Berlin : Zweite Chance in Brandenburg

Der grüne Innenpolitiker Wolfgang Wieland verabschiedet sich nach 17 Jahren aus der Berliner Politik

Werner van Bebber

Die Frauen sind schuld daran, dass das Berliner Parlament einen seiner besten Redner verliert. Die erfolgreichen Frauen in der grünen Bundespolitik versperren Wolfgang Wieland den Weg in den Bundestag. Er würde das nie so sagen. Doch geht er nach Brandenburg, weil er nur dort noch etwas werden kann – ungebremst von Quoten. Renate Künast, Franziska Eichstädt-Bohlig – Berliner Politikerinnen sind bei den Grünen prominent vertreten. Werner Schulz und Hans-Christian Ströbele sind auch noch da. Ein weiterer Mann hat da keine kalkulierbare Chance, schon gar nicht auf ein Führungsamt. Wolfgang Wieland sieht das realistisch. Er sucht die Herausforderung da, wo sie sich stellt. In ein paar Tagen will er sein Mandat als Abgeordneter niederlegen; die Brandenburger Grünen haben ihn als Spitzenkandidat nominiert. Jetzt erlebt er lauter letzte Male im Abgeordnetenhaus. Letzer Innenausschuss am vergangenen Montag, letzte Plenarsitzung an diesem Donnerstag. Letzer Auftritt als Verbal-Gladiator in der Aktuellen Stunde. Sie wird sich mit der Bilanz des 1. Mai befassen.

Im Innenausschuss hatte Wieland mit leicht genervtem Ton gesagt, ritualhaft wie der 1. Mai in Kreuzberg sei die anschließende Besprechung im Gremium der Sicherheits- und Ordnungsfachleute. Man darf gespannt sein, wie er sich selbst und dem nicht gerade für seine Spritzigkeit bekannten Abgeordnetenhaus die Aktuelle Stunde verkürzen muss. Nicht mal Wielands finsterste Gegner würden bestreiten, dass er eine der ganz, ganz wenigen Stützen der Debatte darstellt. Der Mann mit der knarrenden Stimme teilt gern aus, ist schlagfertig und steckt locker ein. Den Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen nannte er „Mitleidsgestalt“, den CDU-Abgeordneten Uwe Lehmann-Brauns einen „ewigen Vize“, der nach 30 Jahren auf dem Sprung nach vorn sei, als der sich Hoffnungen auf ein Bundestagsmandat machte, zwei von ungezählten Beispielen respektvoller Bosheit. Als der CDU-Abgeordnete Michael Braun in einer Fragestunde im Februar 2002 etwas über einen Polizeieinsatz gegen SED-Opfer wissen wollte, tönte Wieland: „Dass ich das noch erleben darf, dass die CDU einen Polizeieinsatz brutal nennt!“

Wer die gedämpfte Atmosphäre des Berliner Parlamentsbetriebs kennt, auf den wirkten solche Bemerkungen wie ein Espresso. Wielands Brummbass beendete jeden Schlummer. Das „noch“ in der Bemerkung zeigt im Nachhinein, dass Wolfgang Wieland den Zenit seiner Berliner Politikerkarriere überschritten sah. In derselben Sitzung ärgerte er den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit während einer Rede über „die Hauptstadt“: „Wo ist denn der Mentalitätswechsel? Das hätte alles auch von Diepgen sein können.“ Das in abendlichem Dämmer versinkende Abgeordnetenhaus nannte er „Autistenversammlung“. Nun denn – der Brandenburger Landtag kann einen brauchen, der Politik aus Leidenschaft macht und Freude an verbalradikalen Auseinandersetzungen hat. Den landesüblichen rauen Ton wird er treffen.

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