Berlin : Zweiter Versuch

Wahlwiederholung in der Jüdischen Gemeinde: Viele wünschen sich, dass die Streitereien aufhören

Claudia Keller

Natürlich regte sich keiner über die Poller vor dem Eingang auf, über die Polizisten und Sicherheitsschleusen. Für die Juden, die in die Synagoge in der Oranienburger Straße wollen, ist das alles leider normal. Daran sind sie gewöhnt. Nicht aber an die Heftigkeit der Streitereien innerhalb der Jüdischen Gemeinde und deren finanzielle Probleme. Am Sonntag waren deshalb viele gekommen, um ein neues Gemeindeparlament zu wählen. Das Ergebnis steht am Montag fest. In der Oranienburger Straße war eines der vier Wahllokale. Beobachter hatten den Eindruck, dass noch mehr Wähler als Mitte September da waren. Damals hatte man das Parlament schon einmal gewählt, die Wahl wurde aber wegen formaler Fehler annulliert.

Seitdem waren die drei Wahlbündnisse vor allem durch unschöne Flugblätter aufgefallen, auf denen sie sich gegenseitig beschuldigten. Auf die Wähler hat das Eindruck gemacht. „Ich habe heute Julius Schoeps gewählt“, sagt Risto K. Tähtinen, „aus Trotz.“ Er wäre nie auf die Idee gekommen, Schoeps zu wählen, aber die Schlammschlacht gegen ihn fanden die Tähtinens unerträglich. Das „Bündnis der Anständigen“ hatte Schoeps Antisemitismus vorgeworfen. Er leitet das Moses Mendelssohn Zentrum in Potsdam und kandidiert für die „Kadima“-Liste, die im September gewonnen hatte.

Der 34-jährige Bernd Große war so sauer auf den bisherigen Gemeindevorstand, dass er voller Abscheu die Mundwinkel nach unten zog. Seit Jahren gebe eine kleine Minderheit den Ton an, zum Beispiel beim Holocaust-Mahnmal. Dabei sei die Mehrheit wie er dagegen. „Es ist peinlich, so ein Riesen- Mahnmal aufzustellen. Es kommt 50 Jahre zu spät und wird von den meisten Berlinern abgelehnt.“ Große hat gewählt, damit künftig auch diese Meinung vertreten wird.

Im Gemeindehaus in der Charlottenburger Fasanenstraße ging es am Sonntagnachmittag zu wie bei einem Gemeindefest, nur ohne Kaffee und Kuchen. Familien trafen sich, viele plauderten auf Russisch. Die meisten wünschten sich auch hier, dass die internen Machtkämpfe aufhören und die Gemeindefinanzen in Ordnung gebracht werden.

Im September hatten 1500 der 4000 Wähler per Brief gewählt. Vor allem viele Ältere hatten sich den Weg zum Wahllokal erspart. Da sich bei der Briefwahl nicht kontrollieren lässt, ob das Wahlgeheimnis gewahrt bleibt, war die hohe Zahl der Briefwähler kritisiert worden. Am Sonntag gab es nun einen Fahrservice zu den Wahllokalen. Allerdings nicht für alle. Nur wer „Kadima“ wählte, wurde chauffiert.

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