Zwischen Absturz und Kunst : Neue Künstlerkneipe in Schöneberg

Lena Braun hat einen „interdisziplinären Kunstraum“ eröffnet: Im Barbiche finden Kostümshows statt, gleichzeitig ist es eine Galerie.

Neuen Kuenstlertreff Barbiche, Potsdamer Str. 151, Berlin
Neuen Kuenstlertreff Barbiche, Potsdamer Str. 151, BerlinFoto: Agnieszka Budek

Barbiche, was auf Französisch Kinn- oder Ziegenbart bedeutet, heißt die neue Bar mit integriertem Kunstraum der Berliner Allround-Künstlerin Lena Braun. Das Logo der neuen Ausgehoption auf Schönebergs Potsdamer Straße ist dementsprechend ein Ziegenkopf mit dem typischen Flaum unter dem Kinn.

Schaut man genauer hin, erkennt man, dass das Tier um den Hals gar eine Perlenkette trägt. Es scheint sich also um eine Glamourziege zu handeln, was ganz gut passt zu Lena Braun, die eine echte Diva des Berliner Kulturbetriebs ist und einiges hält von Ziegen. Die findet sie nämlich alles andere als dumm, sondern schätzt sie als „erfinderisch, kreativ und um die Ecke denkend“ ein.

„Ich war die Erste, die vom Westen in den Ostteil Berlins weitergezogen ist"

Schlägt man den Katalog auf, der Brauns Wirken als Künstlerin und Projekteverwirklicherin dokumentiert und der in ihrer neuen Künstlerkneipe ausliegt, kann man in diesem auf einer Berlinkarte entdecken, wo die umtriebige Berlinerin schon überall ihre Spuren in der Stadt hinterlassen hat in den vergangenen 30 Jahren.

Da wären zum Beispiel der Salon Babette, den sie Ende der Achtziger in Kreuzberg betrieb, die Galerie Loulou Lasard, einst ganz in der Nähe des Barbiche gelegen, oder die queere Kneipe Barbie Deinhoff's am Schlesischen Tor, die sie vor einer Weile an neue Betreiber verkauft hat.

Und natürlich das Boudoir in der Brunnenstraße in Mitte, dessen Name immer dann fällt, wenn mal wieder die Rede vom wilden Berlin in den Neunzigern ist. „Ich war mit dem Boudoir die Allererste überhaupt, die nach dem Fall der Mauer vom Westen in den Ostteil Berlins weitergezogen ist, um dort etwas hochzuziehen“, erklärt sie, „und wenn ich sage, die Allererste, dann meine ich das auch genau so.“

Lena Braun hat der Berliner Ausgehszene schon viel gegeben: Sie führte unter anderem den Salon Babette und die Galerie Loulou Lasard.
Lena Braun hat der Berliner Ausgehszene schon viel gegeben: Sie führte unter anderem den Salon Babette und die Galerie Loulou...Foto: Agnieszka Budek

Die Läden, die Lena Braun über all die Jahre hinweg betrieb, waren jeweils nur schwer definierbare Orte, in denen alles zwischen Performances, Drag-Shows und rein hedonistischen Absturzpartys möglich war und wo sich die queere Szene der Stadt mit den Kunstinteressierten mischte.

So wie Lena Braun als Performerin und bildende Künstlerin am liebsten mit der Collagentechnik arbeitet, wirbelt sie auch an den von ihr betriebenen Kunst- und Ausgehorten gerne alles wild durcheinander.

Regelmäßige Performance-Show: „Barbitches On Stage“

Auch im Barbiche gibt es nun Kostümshows und Performances, gleichzeitig ist es eine Galerie mit wechselnden Ausstellungen und wer einfach nur vorbeikommen möchte auf ein Bier, ist natürlich auch herzlich willkommen. Als „interdisziplinären Kunstraum“ möchte Braun ihren neuen Ort verstanden wissen.

Eigentlich ist sie an dem Tag, an dem man sie besucht, schwer erkältet und trinkt einen Tee nach dem anderen, trotzdem bastelt sie gerade bunte Brillen aus Pappe für die Teilnehmer ihrer nächsten „Barbitches On Stage“-Performance-Show, die es fortan regelmäßig im Barbiche geben wird.

Das bisschen Erkältung lässt sie für sich nicht gelten, die Dinge müssen erledigt werden. „Ich habe ein ziemlich hohes Energielevel“, sagt sie. Das hat sie sicherlich. Sie hat ja nicht nur scheinbar rastlos all die sozialen Orte für Berlin erschaffen, auch als Künstlerin gönnt sie sich keinen Stillstand: Theater, Film, überall hat sie sich wenigstens mal ausprobiert. Siebdruck, Fotografie, Performance-Kunst, sie arbeitet mit den unterschiedlichsten künstlerischen Ausdruckformen.

Mit Ziegenbart und Perlenkette
Mit Ziegenbart und PerlenketteFoto: Agnieszka Budek

Und gleich mehrere Bücher hat sie auch noch verfasst, „Umschreibungen“, so nennt sie diese, von Werken der New Yorker Poetin Djuna Barnes, für Lena Braun „das weibliche Pendant zu James Joyce“.

Meist kreisen die Arbeiten der 56-Jährigen um berühmte, glamouröse Frauen, wie etwa Barnes, und die Salonkultur des 20. Jahrhunderts. Die Glorifizierung einer mondänen, bürgerliche Normen ignorierenden Welt voller sexueller Uneindeutigkeiten zieht sich wie ein roter Faden durch ihr Werk, als Künstlerin genauso wie als Gestalterin sozialer Räume.

Ihre besondere Liebe gilt dabei Frauen wie der Kunstmäzenin Peggy Guggenheim oder der Dada-Künstlerin Elsa von Freytag-Loringhoven, die sich selbstbewusst in dieser Welt bewegten. Und sie gilt ganz besonders natürlich Valeska Gert, dieser deutsch-jüdischen Tänzerin und Künstlerin, einem echten enfant terrible, deren Wirken erst in jüngster Zeit verstärkt gewürdigt wird.

Valeska Gert ist dann letztendlich auch ganz explizit das Barbiche gewidmet. Der Ziegenbart, er ist eine Hommage an die Künstlerkneipe „Ziegenstall“, die Gert ab den frühen fünfziger Jahren bis zu ihrem Tod 1978 auf Sylt betrieb.

„Im Westen Berlins tut sich wieder was“

Dass die Ecke, an der Lena Braun nun die Berliner Künstler-Bohème empfängt, aktuell nicht gerade Berlins Ausgehmeile schlechthin ist und sie mit ihrem schrillen Laden zwischen all den Döner-Imbissen und Antiquitätenshops ziemlich exotisch wirkt, stört sie dabei überhaupt nicht.

Sie sagt zwar, sie könne natürlich nicht hundertprozentig absehen, ob sie mit dem Barbiche hier an der Potsdamer Straße wirklich Erfolg haben werde, schließlich habe „jede Straße so ihre eigene Dynamik“, aber gleichzeitig spricht aus ihr durchaus das Selbstvertrauen einer Person, die sich schon zigfach als Pionierin des Berliner Kultur- und Nachtlebens erwiesen hat.

Wo sie auftaucht, diese Selbsteinschätzung lässt sie durchblicken, da wird über kurz oder lang schon etwas passieren. Die Aftershow-Party zur Vernissage der demnächst im Schwulen Museum gezeigten Ausstellung über Klappen in Berlin hat sie immerhin bereits an Land gezogen. „Im Westen Berlins“, sagt sie, „tut sich wieder was.“

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