Berlin : Zwischen Baum und Bangen Folge4 Der perfekte Tag fürActionhelden

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Stefan Jacobs

DER PERFEKTE TAG

Warum eigentlich hat die Trainerin den Verbandskasten griffbereit auf die Wiese gestellt? Wieso gähnt der Sportfreund am anderen Ende meines Sicherungsseils, zwölf Meter unter mir? Und was will ich überhaupt hier oben, die Füße auf diesem dürren Stahlseil, die Hände an einem herabhängenden Tau, mein Leben in der Hand eines übermüdeten Fremden?

„Nu’ zitter mal nicht so mit den Füßen!“, ruft einer lachend von unten. Von wegen: Es ist nur das Seil, das zittert, aber das kann ich ihm später erklären, denn erst muss ich weiter balancieren, mit dem einen Arm die Liane hinter mir festhalten und mit dem anderen nach der nächsten angeln. Zack, die Finger haben knapp gereicht, jetzt schaukelt sie in Reichweite, ich packe sie. Nur ein kleiner Schritt auf dem Stahlseil, aber ein großer Schritt zu meiner geordneten Rückkehr. „Jawohl!“, ruft Anke, die Trainerin, zufrieden. Allmählich werden meine Schrittchen sicherer. In den Baumwipfeln neben mir trällern die Vögel, ein Windstoß wiegt sachte Seil und Mensch. Der Zielmast mitsamt seiner kleinen Plattform zum Verschnaufen ist keine fünf Meter mehr entfernt. Eigentlich wunderschön hier oben.

Der Seilgarten sei nicht dazu da, Höhenangst zu kurieren, hatten die Kletterprofis von der Sportjugend Berlin vorher gesagt. Aber er ist ideal, um Höhenangst zu erkennen, möchte man ihnen zurufen. Doch der Verstand mahnt: „Hab dich nicht so!“ und hält sich an die Fakten: mehrfach verzurrtes Sicherheitsgeschirr um Beine, Bauch und Schultern. Zwei Edelstahlkarabiner in soliden Ringen vor der Brust, Helm auf dem Kopf. Und schließlich das dreiköpfige Sicherungsteam am Boden: Sicherer, Anker, Prusiker. Der Sicherer hält das Seil straff, der Anker hält den Sicherer fest, damit ihn nicht etwa ein schwergewichtiger Kletterer nach oben katapultiert. Der Mann hinter dem Anker hält eine „Prusik-Schlinge“, also einen Sicherungsknoten, in den Händen.

Mit einem langen Schritt ist der rettende Mast erreicht. Großes Hallo auf der kleinen Plattform. Anke fragt: „Na, wie war’s?“ Aufregend war’s und kribbelig und was ganz Neues. Ich könnte jetzt einfach mein Sicherungsteam bitten, mich langsam am Seil herunterzulassen. Aber im Endorphinrausch wähle ich den schwierigen Abstieg: in Rückenlage, die Füße am Mast, das Seil mitsamt Bremsschlaufe in den eigenen Händen. Das nunmehr arbeitslose Bodenpersonal schaut zu, wie ich mich rückwärts über die Kante hänge. Die drei scheinen diesen „Wenn-das-mal-gut-geht“-Blick zu haben, den man aus Rettungshubschrauber-Fernsehserien kennt. Aber vielleicht kneifen sie die Augen ja nur der Sonne wegen zusammen. Ich frage nicht nach.

Tapp-tapp-tapp und hopp! Ich stehe wieder auf der Wiese. Bleischwer und zittrig sind meine Arme. Jetzt darf einer aus dem Sicherungsteam hochklettern. Ich will seinen Platz einnehmen, aber Anke pfeift mich zurück: „Wer gerade klettern war, darf nicht gleich sichern.“ Erst müssen die Arme wieder fit sein. Gut. Bis dahin kann ich mir ja schon mal überlegen, wie ich über die Bretter komme, die an der nächsten Station zwischen den Baumwipfeln im Wind schaukeln.

Lust auf zwei Stunden Schnuppertraining im Hochseilgarten? Dann melden Sie sich bis Die, 17 Uhr, an unter Tel. 0700-30007171. Platz ist für max. 60 Personen.

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