Berlin : Zwischen den Fronten bei tödlichen Schüssen

Sozialarbeiterin begleitete Strafgefangenen zu seiner Familie – dann stürmten SEK-Beamte die Wohnung in Neukölln

Jörn Hasselmann

Als das Spezialeinsatzkommando die Wohnungen der Familie Ali-K. in Neukölln stürmte, war eine Sozialarbeiterin des Gefängnisses Tegel gerade bei der Familie zu Gast. Die Frau erlebte den Todesschuss auf einen 37-jährigen SEK-Mann hautnah mit. Die Sozialarbeiterin hatte Omar Ali-K. begleitet. Der 27-Jährige hatte an diesem Mittwoch den ersten Ausgang nach seiner Verurteilung zu fünf Jahren Gefängnis im März 2000. Nach Tagesspiegel-Informationen hatte Omar Ali-K. sechs Stunden Ausgang, um die Drogenberatung „Confamilia“ in der Warthestraße aufzusuchen.

Dort war der 27-jährige Drogensüchtige auch, doch danach begleitete die Sozialarbeiterin den Mann in die Wohnung seiner Eltern – für einen kurzen Besuch, wie es hieß. Dann stürmte das SEK die Parterrewohnung in der Kienitzer Straße – die Sozialarbeiterin wurde ungewollt zur Zeugin. Die schockierte Frau meldete sich gestern auf ihrer Arbeitsstelle krank.

Wie es in der Justiz hieß, sei der Besuch bei den Eltern genehmigt gewesen. Omar Ali-K. habe Ausgang bis 19 Uhr gehabt. Er war wegen räuberischer Erpressung zu fünf Jahren Freiheitsstrafe verurteilt worden, muss also noch bis Februar 2005 sitzen. In der Beratungsstelle sollte geklärt werden, ob sich Omar Ali-K. zu einer Drogentherapie eignet, die er anstelle der Haft dann antreten würde. Bei der Justiz hieß es gestern, dass der Ausgang nicht zu beanstanden sei. Der 27-Jährige sei auch nicht der Todesschütze.

Das war Omars 33 Jahre alter Bruder Yassin Ali-K., wie die Justiz gestern Abend bestätigte. Wegen der Schüsse auf die SEK-Beamten wurde Haftbefehl wegen Totschlags und Körperverletzung erlassen. Der 33-Jährige war an dem Nachmittag auch das Ziel des SEK-Einsatzes in Neukölln gewesen, da Yassin festgenommen werden sollte. Sein an dieser Tat beteiligter Bruder Rabih (28) war in Wedding in einem Auto festgenommen worden. Die beiden Brüder sollen am Karfreitag vor einer Diskothek in Rudow einen 24-jährigen Türken mit einem Messer lebensgefährlich verletzt haben. Die Kriminalpolizei rechnet den Mann, der immer noch im Koma liegt, dem Umfeld der rivalisierenden libanesisch-kurdischen Großfamilie Al-Z. zu. Der in der Neuköllner Wohnung zunächst festgenommen 22-jährige Bruder und der 58-jährige Vater der Familie kamen gestern wieder frei. Rabih und der Todesschütze Yassin sind mehrfach verurteilt worden, Rabih seit 1991 sieben Mal, sein älterer Bruder zwischen 1985 und 1995 sechs Mal. Und dennoch hieß es gestern bei der Justiz: „Das sind nicht die Schlimmsten.“ Diese Aussage lässt die Kripo nur noch müde lächeln. „Die sind uns als Gewalttäter bekannt“, sagte ein Ermittler. Beide Familien, Ali-K. und Al-Z., sind der Abteilung Organisierte Kriminalität seit Jahren bekannt. „Eine Plage für Berlin“, sagte ein hochrangiger Beamter.

Die Familien aus dem so genannten libanesisch-kurdischen Milieu gehen vor allem in der Türsteherszene ihren kriminellen Geschäften nach – über die Türsteher werden die eigentlichen Geschäftszweige, Drogen- und Waffenhandel sowie Prostitution in den jeweiligen Diskotheken oder Kneipen kontrolliert. Die OK-Ermittler haben seit 1990 weit über 20 Schießereien innerhalb dieses libanesisch-kurdischen Milieus gezählt. Die Gründe: Blutrache und Streit um kriminelle Geschäfte. Dennoch beziehe ein großer Teil der Familienangehörigen Sozialhilfe, wie es gestern bei den Ermittlern hieß.

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