Berlin : Zwischen den Fronten

Polizisten wegen Übergriff auf japanischen Reporter bei NPD-Aufzug vor Gericht

Kerstin Gehrke

Herr Shin N. hat nicht verstanden, was die Polizisten sagten. Er, der in einer Gruppe von Gegendemonstranten stand, hoffte, dass der Presseausweis und das Wort „Journalist“ ihm den Weg zu seinem Kameramann auf der anderen Seite der Polizeikette öffnen würden. Doch es kam ganz anders. Zwei der Polizisten, die vor zwei Jahren den NPD-Aufzug schützend begleiteten, sollen den 45-jährigen Korrespondenten des japanischen Fernsehsenders NHK grundlos ins Gesicht geschlagen haben. Seit gestern müssen sich die 30 und 33 Jahre alten Beamten wegen Körperverletzung im Amt vor dem Amtsgericht Tiergarten verantworten.

Dass es zum Verfahren gegen die Beamten gekommen ist, hängt nur mit den zufälligen Aufnahmen eines Hobby-Filmers zusammen. Als 1400 Anhänger der rechtsextremen NPD am 25. November 2000 durch die Innenstadt zogen, war der 31-Jährige einer der 3000 Gegendemonstranten. Wie der Japaner stand er am Nachmittag in der Nähe des Bahnhofs Alexanderplatz. Dort hatte die Polizei den NPD-Aufmarsch abgebrochen, weil sie Auseinandersetzungen befürchtete. Es sei ruhig gewesen, sagte der Hobby-Filmer am Rande des Prozesses. Er habe seine Videokamera mal nach links, mal nach rechts geschwenkt. „Da sah ich, wie ein Mann, der gerade einen Presseausweis gezeigt hatte, geschubst und geschlagen wurde.“ Nach Veröffentlichung dieser Bilder wurden die Beamten Matthias H. und Alexander L. als mutmaßliche Schläger ermittelt. Ein dritter Polizist sitzt mit auf der Anklagebank, weil er wahrheitswidrig behauptet haben soll, dass H. zunächst von dem Japaner angegriffen worden sei. Während H. zu Beginn des Prozesses schwieg, bestritten die beiden anderen Beamten die Vorwürfe. Als eine Gasse für den Abzug der NPD-Anhänger freigehalten wurde, hätten sich „teilweise tumultartige Szenen“ abgespielt, sagte L. Er habe gesehen, dass H. Probleme mit einem Mann hatte. Er habe versucht, diesen wegzuschubsen. Seine „Fauststöße“ hätten aber nicht getroffen.

Es scheint eher unwahrscheinlich, dass sich der schmächtige N. mit den breitschultrigen Beamten anlegte. Eine Diskussion war dem Reporter allerdings nicht möglich. Seine Deutschkenntnisse seien damals noch viel schlechter als heute gewesen, übersetzte eine Dolmetscherin für den seit fünf Jahren in Deutschland arbeitenden Korrespondenten. Immer wieder habe er auf seinen Presseausweis gezeigt, dann sei er geschlagen worden. Er erlitt einen Jochbeinriss, Platzwunden im Mundbereich und Prellungen. Außerdem war seine Brille zu Bruch gegangen. Der Prozess wird fortgesetzt.

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