Berlin : Zwischen den Zeilen

Der absurde Streit um ein Buch über Lesepaten

Was muss der Staat leisten, worauf muss der Bürger beharren? Und an welchen Stellen sollen oder können Ehrenamtliche in die Bresche springen? Nur da, wo es „nicht so drauf ankommt“? Oder auch da, wo etwas anbrennt?

Diese Frage stellt sich wieder, nachdem sich die Mitgliederzeitschrift der Berliner Bildungsgewerkschaft GEW geweigert hatte, eine Buchrezension über Berlins größte Lesepateninitiative abzudrucken. Der Tagesspiegel hatte darüber berichtet und aus der Begründung des zuständigen Redakteurs zitiert. Er hatte moniert, dass die Lesepateninitiative von der „Lobby der Besitzenden“ getragen werde, womit er den Verein Berliner Kaufleute und Industrieller (VBKI) meinte. Die Äußerung hat für Empörung gesorgt – auch unter den 186 Schulen und 92 Kitas, in denen die 2000 Lesepaten eingesetzt sind. „Grotesk“ sei der Vorwurf und „altlinks“ die Sprache, befanden Pädagogen und Paten.

Nun fühlt sich die GEW missverstanden. Sie sei keineswegs gegen Lesepaten, sondern schätze deren Engagement, betont die GEW in einem Leserbrief an den Tagesspiegel. Es sei aber leider so, dass „das Eindringen“ von privaten Trägern, Stiftungen und Vereinen letztlich den Spielraum vieler staatlicher Schulen weiter einschränke. Im Kern geht es um die Befürchtung, dass der Staat seine Finanzierung in dem Maße zurückschraubt, wie Ehrenamtliche seine Aufgaben übernehmen. Im Zusammenhang mit den Lesepaten ist nachweislich aber niemals auch nur eine einzige Stelle im öffentlichen Bereich eingespart worden. Für die GEW aber sind die Lesepaten, um im Sprachbild des GEW-Leserbriefes, zu bleiben, „Eindringlinge". Dabei kann jede Schule selbst entscheiden, ob sie Paten nimmt.

Alte GEW-Kollegen vermuten, dass es in Wirklichkeit um etwas ganz anderes geht: „Die Funktionäre stört es, dass da jemand, der mal zu ihnen gehörte, zu ganz anderen bildungspolitischen Schlüssen kommt als sie.“ Die Autorin des Lesepatenbuches, Sybille Volkholz, war nämlich mal Vize-Chefin der GEW. sve

„Lesepaten in Berlin oder wie man Bildung zur gesellschaftlichen Aufgabe macht“, Waxmann-Verlag, 14,90 Euro

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