Berlin : Zwischen Fahrradkurieren und Fabelwesen

Sebastian Leber

Wenn der beste Kumpel einen Wutausbruch hat und ausfällig wird – wie reagiert man? Versucht man zu beschwichtigen oder zu verstehen? Kef, ein arbeitsloser Theaterregisseur aus Mitte, entscheidet sich für eine andere Möglichkeit: Er schlägt seinen Freund einfach tot. Oder versucht es zumindest.

Die Welt, die Ambros Waibel in seinem neuen Berlin-Roman „Leben Lums“ beschreibt, ist brutal. Seine wahlweise gescheiterten oder krisengeplagten Charaktere sparen nicht mit Flüchen und Gewaltausbrüchen. Waibels Sprache ist nicht weniger brutal: Da ist viel von Schwänzen und Kotzen und „Durchvögeln“ die Rede, beleidigt werden jugendliche Hiphopper („die wackelnden Zwerge mit den Kappen“) wie ehemalige Bundestagspräsidenten („ein so unappetitlich aussehender Mensch“). An einer Stelle nimmt der Roman fantastische Züge an, als ein Berliner Akademiker Besuch von kleinen Fabelwesen bekommt. Da fühlt man sich fast ein bisschen an Haruki Murakami erinnert. Nur, dass Waibels Fantasiegeschöpfe nicht tanzen wollen oder Liebeskummer haben, sondern ewig währenden Gruppensex.

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Davon abgesehen finden sich in „Leben Lums“ auch einige lesenswerte Passagen. Das sind viele kleine Beobachtungen aus und über Berlin: Wie sich die Reichstagskuppel „wie eine mittlere Kreissparkassenzentrale“ gegen den Himmel absetzt. Dass man in der Dunckerstraße von Fahrradkurieren und Talentscouts angerempelt werden kann. Dass Berlin „von oben aussieht wie ein aufgestocktes Ruhrgebiet“. Und dann ist da die Geschichte von der Autorin aus Prenzlauer Berg, die sich beim Schreiben große Mühe gibt, damit sie nicht eines Tages in Wedding landet. Damit sie weiterhin mit ihrem Kind im Weinbergspark spielen kann – auch wenn die Eiskugeln dort etwas teurer sind.

— Ambros Waibel: Leben Lums. Verbrecher Verlag, Berlin. 115 Seiten, 13 Euro.

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