Berlin : Zwischen Getränk und Pudding

Auf dem Weg zum Kultprodukt? Unsere Probierrunde verkostete gehobene Trinkschokoladen.

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Peter und Sonja Frühsammer bei der Vorbereitung der Verkostung Foto: Paul Zinken
Peter und Sonja Frühsammer bei der Vorbereitung der Verkostung Foto: Paul Zinken

Fast wie Gelee, aber dennoch kein flüssiger Pudding, sondern ein Bindemittel, in das zufällig Kakao geraten schien – so kam der monatlichen Testrunde eine Trinkschokolade vor, die ein niedliches Äffchen im Wappen führt. Aber „Blömboom Organic Italian Chocolate 42%“, scheint nicht einfach nur merkwürdig, weil das Bindemittel Xanthan darin offenbar eine große Rolle einnimmt. Vermutlich würde man sich mit dem Trunk kaum aufhalten, wenn es sich nicht gleichzeitig um etwas Zeitgemäßes und Typisches handelte. Es kann nämlich gut sein, dass Blömboom deshalb neue, an die Molekularbewegung erinnernde Wege geht, weil es als Kultprodukt wahrgenommen werden möchte. „Ehrlich und satt. Intensiv und weich. Affenstark“, tönt es zumindest von der Website.

Tatsächlich gehören Kakaogetränke zu den Lebensmitteln, bei denen in den letzten Jahren enorme Veredelungsanstrengungen unternommen wurden. Bei Trinkschokolade, die aus zerkleinerter Tafelschokolade besteht, ragen drei Produkte hervor. „Bonnat Maison 60% beziehungsweise 80% Kakao“ (bei Mamsell, Goltzstr.48, Schöneberg, und www. oschaetzchen.com) wird ohne Lecithin hergestellt und ergibt eine dichte, fast altmodisch runde Tasse, während die belgische „Dolfin Trinkschokolade schwarz & weiß“ (bei Mamsell, im KaDeWe und Winterfeldt Schokoladen, Goltzstr.23) nicht die ganze Aufmerksamkeit beansprucht und „Casa Amatller“ (ebenfalls bei Mamsell und Winterfeldt) aus Barcelona durch in die Kakaobutter eingebundene Maisstärke eine dickflüssige Schokolade ergibt, bei der sich Konsistenz und Aroma angenehm die Waage halten. Alle drei sind übrigens treffliche Weihnachtsgeschenke.

Als die Testrunde an der Theke von Frühsammers Restaurant im Grunewald Platz genommen hatte, ging es nur noch um pulverisierte Trinkschokolade. So beliebt und so praktisch die bekannten Marken auf diesem Gebiet auch sein mögen, so wenig transportieren viele von ihnen noch den originären Geschmack von fermentierten und gerösteten Kakaobohnen. Die Frage war also, ob es überhaupt Sorten gibt, die ihn (noch) liefern. Oder um mit Martin Kühlert, dem Inhaber des Schokoladens am Kurfürstendamm 146, zu fragen: „Gibt es Nesquick in gut?“ Dass die Frage rhetorischer Natur war, sollte sich erst später herausstellen. Als nämlich Kühlerts Favorit den Test gewann.

Nach der Verkostung von rund zwei Dutzend Probanden, die jeweils von Gastgeber Peter Frühsammer in heißer Milch aufgelöst und ohne Zusatz von Zucker serviert wurden, hinterließen am Ende eine Handvoll davon anhaltenden Eindruck. Allerdings aus unterschiedlichen Gründen. Während die von Oschätzchen gelieferten „Les Confitures à l’Ancienne Chocolat en Poudre“ von Köchin Sonja Frühsammer wegen ihrer etwas übersüßten Milde nur als „lieb und nett“ bezeichnet wurde, erwies sich „Quai Sud Cacao Aromatisé Vanille“ von Winterfeldt schon als bedeutend eigenwilliger. Bereits der Duft aus der Tüte erinnerte an Rumkugeln; in der Tasse, die leicht sandig wirkt, werden die feinen Bitternoten des Kakaos zur Gänze ausgeschaltet von künstlicher Vanille, so dass eigentlich nur ein tüchtiger Schuss Rum die Sache zu retten vermöchte.

„Monbana Suprême de Chocolat 32%“ und „Trésor de Chocolat 33%“, die aus der Feinkosthandlung „Das Süße Leben“ (Salzburger Str.7, Schöneberg) stammten, bedürfen dagegen beide keiner Hilfestellung. Trésor riecht nach starker Röstung und lässt nach der Zubereitung heftige Kakaonoten erwarten. Dass daraus nichts wird, bleibt ein Rätsel. Denn statt einer aromatischen Dröhnung gibt es die nur hinsichtlich der Konsistenz. Xanthan und Weizenstärke binden zwar gut auch kalte Milch, scheinen aber der Entfaltung der Hauptsache im Wege zu stehen. So bleibt das Getränk beim Zucker förmlich stehen.

Der Münchner Kakaofabrikant Michael Beck experimentiert schon seit Jahren mit Trinkschokolade. Bergamotte, Ingwer, Lavendel, Marzipan und marokkanische Orange gehen in seine Mischungen ein, häufig auch ein Gran Meersalz, was dem Geschmack durchaus förderlich ist. Beim monothematischen und schwer löslichen „Becks Cacao Especial 70%“ (bei Hofer und Oschätzchen via Internet) bewegt man sich zwar sehr nah an der Bohne – auch, weil der Zuckereinsatz hier sehr zurückgenommen ist –, aber es bleibt auch ein Eindruck zurück, der an Reis- oder Sojamilch aus dem Bioladen erinnert. Bei Becks Version „Chill Bill“ erhält vor allem die herbe Seite der Kakaobohne mehr Kontur, aber man benötigt relativ viel Pulver, um Wirkung zu erzielen. Und die wurde von Sonja Frühsammer als „witzig“ eingestuft.

Ernster zu nehmen wäre da schon „Blanxart En Polvo Desayuno de Chocolate“, das ebenfalls in Hofers süßem Supermarkt am oberen Kurfürstendamm erhältlich ist. Vielleicht ließe sich die schwelgerisch-geschmäcklerische Art dieses katalanischen Kakaos als mediterran bezeichnen, ganz sicher jedoch als spanisch anzusehen ist der Pudding , den man im Handumdrehen bekommt. Zwar bleibt die ganze Tiefe der Schokolade aus, dafür erhält der Genießer aber eine weich-sahnige Vollmilch, deren Vorzüge nicht zu unterschätzen sind.

Wenn von Vollmilch die Rede ist, denkt jeder an die Schweiz. Zu Recht – denn bis heute hat man der Alpenrepublik ihren Rang nicht ernstlich streitig machen können. Aus diesem Grund überrascht es nicht, dass mit „Caotina noir Swiss Premium Chocolate Drink“ (wiederum von Hofer) ein Eidgenosse das Rennen für sich entschied. Caotina erreichte auch deshalb den ersten Platz, weil er sich nur ein klein wenig aus Gewöhnlichkeit oder Alltäglichkeit erhebt und dank klarer Proportionen nie abgehoben wirkt.

Ein vernehmlicher Herrenschokoladenton, in dem Bitteres die aromatische Tiefe begleitet, wird von leicht karamellisierter Sahne und Zucker aufgefangen und abgefedert. Eine heiße Caotina noir erlaubt Erwachsenen, in die Kindheit zurückzukehren, ohne dafür die Gegenwart verlassen zu müssen. Mehr kann man sich von einer Trinkschokolade nicht wünschen. Thomas Platt

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