Berlin : Zwischen Gott und uns ist manches schiefgelaufen

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SONNTAGS UM ZEHN

Kein leichtes Amt für die junge Pfarrerin. Sie ist gerade so schön mitten in ihrer Predigt, in der sie mit Hilfe der Schöpfungsgeschichte nach Antworten auf die Frage sucht, ob wir Menschen die Natur vielleicht so überstrapazierten, dass sich diese nun wehrt – wie jüngst mit der so genannten Jahrhundertflut. Da muss sie unterbrechen – einer Gottesdienstbesucherin geht es schlecht. Im Rollstuhl wird die gebrechliche alte Dame nach draußen gebracht. Zurück in ihr Zimmer im Senioren- und Pflegeheim des Evangelischen Diakonissen-Krankenhauses St. Elisabeth. Dessen kleine Kapelle steht direkt an der Lützowstraße – den Weg hinein finden überwiegend nur noch Insassen des Heims. Kranke kommen kaum noch, Gottes Wort zu hören. „Ihre Verweildauer in der Klinik ist zu kurz“, sagt Martina Gräwe. Die junge Frau mit den langen kastanienroten Haaren hat schnell den Faden wiedergefunden. Von Gottes Schöpfung, dem Menschen spricht sie, für den der Herr den Garten Eden schuf, damit er diesen bebaue und bewache, so wie Gott ihn selbst bewache. Auch davon spricht sie, dass da manches schief gelaufen sei, der Mensch seine Verantwortung nicht wahrgenommen habe, sondern die Natur ausgebeutet.

Dabei müsse man doch nicht kleingläubig sein und sich um den nächsten Tag sorgen. Gott sorgt für Euch, heiße es in der Bergpredigt. So, wie er auch für die Vöglein im Himmel sorgt und die Lilien auf dem Feld, die nicht säen und nicht ernten, und der liebe Gott ernährt sie doch. Er sorgt für uns, wenn auch nicht mit gebratenen Tauben, sondern der Aufgabe, das zu bearbeiten und zu bewahren, was er uns anvertraute. Dazu bedürfe es aber des Glaubens, dass auch für uns gesorgt ist – „wer könnte seinem Leben auch nur einen Augenblick hinzufügen, das liegt in Gottes Hand“, spricht die Pfarrerin mit um akustisches Verständnis bemühter akzentuierter Stimme zu den alten, vom Leben müden und gefurchten Gesichtern vor sich. Nicht alle blicken glücklich, nicht alle vermögen ihr zu folgen, aber „sie fühlen sich hier bei bei Gott“, sagt Martina Gräwe über ihre oft doppelt so alten Schäflein.

„Wer Gott dem Allerhöchsten traut, der hat auf keinen Sand gebaut“ ist eines der Lieder, die die Gemeinde gestern mit schwacher, die Pfarrerin mit glockenklarer Stimme singt. Und zum Schluß gibt noch ein sehr alter Mann – einst selbst hier Pfarrer – seine Erfahrung mit Gott und dem Leben preis: „Es war doch schön“. Heidemarie Mazuhn

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