Berlin : Zwischen Lamas und Gleisen

Auf dem Wirtschaftshof des Zoos soll bald das neue Riesenrad stehen Noch werden hier Heuschrecken gezüchtet und Futter gelagert

Christian van Lessen

Wo bald das große Rad gedreht wird, dampft noch ein großer Misthaufen. Um ihn herum sehen ein paar flache Gebäude, gün verputzt, mit Lagerflächen und Laderampen. Ein Traktor tuckert über die Wege. Das alles mitten in der Stadt. An die City, an den nahen Bahnhof Zoo, erinnert nur das stete Geräusch der Züge. Das ländliche Gelände ist einer der unbekanntesten Orte Berlins, eine Mischung aus Bauernhof und Lagerplatz.

TU- Studenten auf dem Weg vom und zum Bahnhof Zoo kommen hier vorbei, viele Wohnungslose, kaum Touristen. Gerade hier, auf dem Gelände des Wirtschaftshofes, soll der neue touristische und städtebauliche Höhepunkt entstehen, ein Magnet für Massen, ein Projekt von weltweitem Ruf – das Riesenrad als Aushängeschild der Stadt. Damit rückt derWirtschafthof immer mehr ins öffentliche Interesse. Der Zoo will und wird nicht auf ihn verzichten, denn „es gibt keinen Zoo ohne Wirtschaftshof“, sagt der scheidende Direktor Jürgen Lange.

Das Gebiet wirkt auf den ersten Blick fast menschenleer, aber in den Häusern arbeiten Handwerker: Rohrleger, Schreiner, Schlosser und Maler, die für Reparaturen im benachbarten Zoo zuständig sind. In den Gebäuden ringsum ist auch die zentrale Futterküche untergebracht, lagern Fleisch, Fisch, Gemüse und Brot, werden Heuschrecken gezüchtet, die wie Sprotten und Plötzen zum Fraß bestimmt sind. Auch Gewächshäuser gibt es, oder eine tiermedizinische Abteilung mit Operationssaal,und tropische Vögel sind auf dem Gelände im Winterquartier. Gelagert werden große und kleine Kisten für Tiertransporte, abgestellt sind Rasenmäher und Kehrmaschinen. Und hier wohnen zwischendrin auch ein paar Tierpfleger. Das alles stellt den Wirtschaftshof des Zoologischen Gartens dar, eine karge Nutz-Landschaft, und der Zutritt in dieses Gebiet ist nur dem Personal erlaubt.

Die Fläche wird für das Riesenrad-Projekt voraussichtlich um etwas mehr als die Hälfte reduziert. Der Hof zieht sich dann in die hinteren Bereiche an der Müller-Breslau-Straße zurück, um mit Neubauten dreistöckig in die Höhe zu gehen. Das Bauprojekt wird vermutlich europaweit ausgeschrieben. Auch eine zweite Bahnunterführung zum eigentlichen Zoogelände ist geplant. Der neue Wirtschaftshof ist dann der direkte Nachbar des geplanten Riesenrades, und alles, was bisher auf dem Gelände stand und aus den sechziger Jahren stammt, wird abgerissen. Die Gewächshäuser könnten platzsparend auf den Dächern der Neubauten stehen.

Noch ist es aber ein Ländchen, ganz für sich, von zwei Seiten erschlossen. Aus Richtung Zoo geht es an Lamas und Kamelen vorbei, den letzten Tieren vor der Bahnbarriere, die das Ende des eigentlichen Parks markiert. Eine Unterführung führt geradewegs in den Wirtschaftshof. Der andere Zugang ist an der Hertzallee 41, flankiert von einem kleinen Autohandel. Eine Schranke versperrt den Weg in das bescheidene, eingezäunte und ummauerte Gebiet. Es wirkt in dieser zentralen City-Lage, direkt am Bahnhof und am Ende der traurigen Jebensstraße fremd – und doch auch wieder passend.

Jürgen Lange gehört zu denen, die sich vom Riesenrad eine Stärkung der City-West versprechen. Damit ist er in bester Gesellschaft mit dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit. Denn die Stadt wirkt in diesem Bereich angeschlagen. Dass der Bahnhof Zoo wegen des Nonstops der Fernzüge an Bedeutung verloren hat, dass die Zahl der Touristen spürbar gesunken ist, zeigt sich besonders deutlich an der Jebensstraße, die auf den Wirtschaftshof zuführt und die den Strom der Riesenradbesucher aufnehmen könnte.

Sie scheint im Griff der Wohnungslosen, es gibt lange Warteschlangen vor der Essensausgabe der Bahnhofsmission. Auch wenn an der benachbarten Hertzallee Duschen- und Toilettencontainer stehen, riecht es auf der Straße nach Urin. Im Bahnhofseingang gegenüber der Ambulanz für Wohnungslose sitzen und liegen trinkende Menschen und werden immer wieder von Wachpersonal aufgefordert, den Platz zu räumen.

Auch ein Stück Berliner Wirklichkeit. Vom hohen Riesenrad aus, wenn es sich drehen sollte, dürfte sie nicht mehr zu erkennen sein.

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