Berlin : Zwischen Replikator und Samowar

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Von Cordula Arend

Wenn Chaos auf der Brücke herrscht und düstere Sternenwolken aufziehen, muss sich Captain Jean-Luc Picard etwas einfallen lassen. In seiner Kajüte greift er dann nicht zu bajoranischen, klingonischen oder vulkanischen Getränken, sondern er stellt sich vor den Replikator und entnimmt ihm eine Tasse heißen Earl Grey-Tees. Das Ergebnis des Verfahrens, Energie zurück in Masse zu verwandeln, scheint seine Sinne zu beflügeln – und in der Tat kombiniert Earl Grey die belebende Wirkung des fermentierten Tees mit dem Zitrusduft des Riechfläschchens. Das aus der Schale der mediterranen grünen Bergamotte-Birne, einer Kreuzung aus Bitterorange und Limette, gewonnene Öl ist nicht alleine Aromaschliff des Earl Grey, sondern auch des Kölnisch Wasser.

Der Tafelrunde blieb zu beklagen, dass sie noch keinen Replikator auftreiben konnte, der im 22. Jahrhundert zur Grundausstattung jeder Küche gehören wird. Gerade die Zubereitung von Tee findet heute immer noch mit gestrigen Methoden statt. So wurde den Tüten jeweils knapp drei Gramm entnommen – ganz klassisch englisch dem Gewicht der alten Sixpence-Münze entsprechend – und in Gläsern mit Berliner Kochwasser für drei Minuten überbrüht.

Raumfahrtfreunde werden den wohlfeilen Meßmers „Fruchtiger Earl Grey“ und Dallmayrs vergleichbares, aber teureres Produkt vermutlich lieben, denn beide sind genauso Kunstprodukte wie die TV-Serie, die im x-ten Aufguß durch den Äther flimmert. Aromatisiert werden sie mit synthetischer, so genannter rekonstituierter Bergamotte und erinnern eher an Zitrusreiniger. Auch die Blattmischung „Famous Earl Grey“ mit Dust-Anteil vom Frankfurter Traditionshaus Roennefeldt, der mittlerweile viele Hotelbuffets bestückt und hier im Handelskontor Bremen erhältlich ist, versinkt in seinem artifiziellen Aroma, das von Sonnenblumenblüten wenigstens ein bisschen geerdet wird. Die falsche Wahl trifft man übrigens auch, wenn man zu den Tees von Lipton und Twinings greift, die außerhalb des Vereinigten Königreichs auf vordergründige Parfums setzen.

Sehr dominant geriert sich die Basis beim „Earl Grey Sup-Darjeeling“, den die winzige Wilmersdorfer Teekammer anbietet. Ein bitterer Film belegt sofort die Zunge und der nahezu betäubte Geschmackssinn nimmt lediglich Anklänge von Orange, Minze und Bananenblatt wahr. Der zweite Darjeeling „Blue Star“ aus dem Berliner Teesalon entfaltet schon im trockenen Zustand ein intensives Bukett von Zitronendrops, Kaubonbon und Acqua di Parma, dem italienischen Eau de Cologne. Er könnte gewiss auch im Kleiderschrank vor Motten schützen. Im Aufguss bricht dann der ambitionierte Darjeeling unter der Penetranz des Parfums zusammen. Eher wie 4711 riecht „China Blend“ aus dem gleichen Kontor, der in der Tasse die Farbe von Altbier annimmt und in einem durchsichtigen Geschmacksbild vor allem Jasmin äußert. Ein Sonderfall der Teekomposition und doch wohl ein Irrweg ist der „Blend of China and Ceylon“ von Fortnum & Mason, den die Runde bei Karstadt am Hermannplatz erwarb. Hier kämpft das Speckaroma des beigemischten Lapsang Souchong mit echtem Zitrusöl sowie einem recht breiten Grundtee, wobei der geringe Anteil des Räuchertees schließlich die Oberhand behält.

Vermutlich duftet es in den Schrankkoffern der grauen Ladies, die auf den Hotelterrassen am Comer See ihre Pension verfrühstücken, ähnlich wie aus der Tüte „Schwarzer China“ aus der Teekammer. Diese Komposition stammt aus dem Lager des alt eingesessenen Teehändlers Hälssen & Lyon in der Hamburger Speicherstadt und riecht sehr charakteristisch nach einem sauberen Earl Grey. In seinem brandyfarbenen Sud schiebt sich eine Veilchennote nach vorne, die von prägnantem Zitrus konturiert wird.

Den echten Adel erreichte die Tafelrunde in der silbergrauen Packung von Williamson & Magor, die aus dem KaDeWe stammte. Das Teeblatt selber zeigte sich kräftig metallisch und gleichzeitig fein-blumig. Das Malz des Assam in Verbindung mit dem Glanz von chinesischen Sträuchern bildet ein leicht süßliches Fundament, in das der Bergamotteduft perfekt eingelassen ist. Sein gewissermaßen flaumiger Fluss füllt den Gaumen aus. Der Earl auf Darjeeling-Basis von Enno A. Beulich erweitert den verschwindend herben, wolkenweich im Mund sich ausbreitenden Charakter des Hochlandtees bruchlos mit einer stillen Bergamotte-Noblesse. In diesem Spitzentee wäre Milch Sünde. Etwas aufgeregter gibt sich Beulichs zweiter grauer Graf. Eine verblüffend abgerundete Mischung trägt mehr ätherisches Öl, das in bruchfester Verbindung mit der Blattessenz fast in eine Ahnung von Kandis mündet.

Eine Demonstration von Geschlossenheit bietet auch der exklusive „Thé Kousmichoff“ aus den Galeries Lafayette, der mit einem Kilopreis von 60 Euro große Erwartungen weckt. Seine vollmundige Brühgrundlage dürfte typisch sein für die besten Sorten aus dem grusinischen Schwarzmeeranbau; sie duftet ein bisschen nach einem milden Pfeifentabak. Diese exilrussische, in Paris zubereitete „Mélange de Thés Parfumés à la Bergamotte Naturelle“ hätte bestimmt auch Marcel Proust vom Lindenblütentee abbringen können. Kusmi-Tea, als der er in England in Verkehr gebracht wird, müsste wegen seiner Dichte eigentlich sogar verwöhnten Kaffeetrinkern gefallen – aber vielleicht weniger den Stammgästen des Café le Malongo in La Défense. Der ursprünglich aus Nizza stammende Kaffeeröster wartet in seinem Earl Grey mit einem wahren Fugato aus Blütentönen auf. Ringelblume und Rose treten aus dem Klang hervor und ergänzen das maßgebliche Orange-Jasmin-Odeur. Der eigentliche, trüb-rötliche Aufguss erinnert im Geschmack an einen rustikalen Karawanentee ohne bittere Nuancen und schultert mühelos das pikante Gepäck. Die beiden Sieger der Testrunde sind gleichzeitig Antipoden, und das nicht nur in preislicher Hinsicht. Der Adlige und der Citoyen unter den Earls sind auf unterschiedlichem Weg ins Ziel gelangt, und wer den einen zu schätzen weiß, wird dem anderen den Rücken kehren. In sich sind beide stimmig und empfehlenswert.

Captain Picard wird in seiner Kabine oder im Ten-Forward, dem Casino der Enterprise, keinen von beiden trinken können, denn die Zukunft sieht nicht rosig aus. Entweder wird das teure Öl aus der Bergamottenzeste mit preiswerten Blüten gestützt und ergänzt oder ganz von den synthetischen Wässerchen verdrängt. Aber möglicherweise überlebt der Ahnherr der aromatisierten Tees den Wirbel der Zeiten, wenn er am Duft des echten Riechfläschchens festhält.

Berliner Teesalon, Mitte, Invalidenstr. 160

Galeries Lafayette, Mitte, Friedrichstr. 77

Tee – Enno A. Beulich“, Wilmersdorf, Westfälische Str. 66

Tee-Handels-Kontor Bremen, Tiergarten, Potsdamer Platz Arkaden/Erdgeschoß

Teekammer, Wilmersdorf, Uhlandstr. 144

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