Berlin : Zwischen Trapez und Fernseher

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Von Marion Hartig

Er sieht nicht aus wie man sich einen Trapezkünstler vorstellt. Einen, der hautenge, glänzende Ganzkörperbodys oder Ballettschühchen anzieht. Und grazil auf einem Trapez über der Manege schwebt. Oleg Anieskin kommt eher wie ein Arnold-Schwarzenegger-Typ daher. Schwarze Lederjacke, Jeans. 1,83 Meter groß, 91 Kilo schwer. Als er, 34, aus seinem Jeep steigt und über den Platz geht. Jeder Schritt ein Kraftakt.

Oleg Anieskin ist der Chef der „Flying Anieskin", der Trapezgruppe des Großen Russischen Staatszirkus erzählt er später, in einem Restaurant in der Nähe. An seiner Seite sitzt Gabrielle Popov, die Frau des berühmten russischen Clowns, und übersetzt. Gegenüber Willem Smitt, der holländische Zirkuschef. Der Akrobat bestellt sich eine Tasse Kaffee, steckt sich eine Zigarette an. Um sich zu beruhigen, sagt er. Er habe einen Job, der an die Nerven geht. In drei Stunden ist Vorstellung. Dabei wirkt er alles andere als unruhig. Seine Beine stehen fest auf dem Boden.

Nur in den letzten zehn Minuten vor dem Auftritt, ist er unansprechbar. Dann bereitet er sich mental auf die Nummer vor. Es sei schwer zu beschreiben, was ihn so an seinem Job fasziniere. Er sucht nach Worten: „In der Manege stehen ist wie schnelles Autofahren. Es ist das Spiel mit dem Risiko. Der Kick. Der Nervenkitzel. Ein tolles Gefühl danach, wenn alles geklappt hat." Die Muskelberge braucht Anieskin, um in zwölf Meter Höhe die Trapezflieger aufzufangen. Von einem Schwebestuhl aus, einer Art doppeltem Trapez aus Metall, auf dem er steht oder mit den Knien hängt. Reagiert er nur den Bruchteil einer Sekunde zu spät, landet er vor einem Baum, der fliegende Artist im Netz.

Fast sein halbes Leben ist Anieskin mittlerweile im Zirkusgeschäft. Wie viele seiner russischen Kollegen wurde er, der Boxer, Karatemann und Leichtathlet, beim Training entdeckt. 17 war er damals. Ein Jahr später stand er in der Sporthalle der Moskauer Zirkusakademie, lernte Akrobatik, Seiltanz, Trampolin und Trapezkunst. Vor fünf Jahren kam er nach Europa, mit einem Ensemble des russischen Staatszirkus. 460 Mal im Jahr steht er in 40 Städten in der Manege.

Eigentlich führt er ein ganz normales Leben, betont er. Er steht um halb neun auf, frühstückt, was man so frühstückt, Toast, Fleisch. Dann stemmt er Gewichte, isst in der russischen Zirkuskantine zu Mittag. „Viel Gemüse, fettarmes Fleisch", wirft der Zirkuschef ein, „Akrobaten müssen körperlich fit sein." Dann zwei Vorstellungen. Abends geht er essen, in die Disko oder sieht fern. Nur, dass sein Fernseher nicht in einem Wohnzimmer, sondern in einem Caravan steht, in einem Regal über dem Sofa mit Leopardenüberwurf, neben der winzigen Küchenzeile auf der ein voller Aschenbecher, ein Teller mit einem angefangenen Stück Pizza steht. Zu dem normalen Leben gehört auch, dass er mal in Berlin, mal in Düsseldorf oder Amsterdam zum Saunieren geht – bis ins kleinste Detail ist sein Alltag geregelt.

Längere Zeit an einem Ort zu bleiben, kann er sich kaum vorstellen. Lebt er für ein paar Tage in einem Haus, zieht es ihn zum Zirkus zurück. Er liebt es, auf Achse zu sein, neue Länder kennen zu lernen, mit anderen Zirkusmenschen zusammen sein, Barbeque in Sommernächten. Welche Frau hätte da besser zu ihm gepasst als Jana, die fliegende Trapezkünstlerin der Anieskins. Die Frau mit dem athletischen Körper, die auf dem glänzenden Zirkusprospekt gleich neben ihm steht. Eigentlich schläft sie in dem oberen Bett, auf dem sich jetzt Koffer und Kisten stapeln. Aber seit einem Jahr wohnt sie in Moskau, mit Veronika, der einjährigen Tochter. Drei bis vier Mal im Jahr fährt er sie besuchen, sagt der Muskelmann. So als wäre das für ihn okay, auf Distanz zu leben. „Hat er mal mehrere Tage hintereinander frei, sitzt er im Flieger gen Moskau", erzählt der Zirkuschef die Geschichte ganz anders.

In ein paar Monaten wird die Welt für die Anieskins ganz anders aussehen. Dann hat der Caravan ausgedient, die russischen Zirkuswagen ziehen ohne den Akrobaten weiter. Ein Engagement des „Big Apple Circus" in New York lockt ihn in die Ferne. In Sichtweite zur Freiheitsstatue wird er dann unter der Zeltkuppel Trapezflieger aus der Luft fischen. Und die Abende wohl eher in einer Suite mit Blick auf die City oder in einem kleinen Häuschen am Stadtrand verbringen. Zusammen mit Frau und Kind.

Aufrecht sitzt der starke Mann auf seinem Stuhl. „Er gehört zu den Großen", sagt Herr Smitt. „Sogar der Zirkus in Monte Carlo, der Mercedes der Branche, habe ihn haben wollen.“ Anieskin habe eine Traumkarriere vor sich. Nur einen Haken hat die Sache. Das Leben im Zirkuswagen wird es in New York nicht geben.

Der Russische Staatszirkus gastiert noch bis zum 2. Juni in Zehlendorf.

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