Berlin : Zwischen zwei Welten

Die Israelin Efrat Alony und der Libanese Mario El-Feghali sind Berliner. Die Gewalt in ihren Heimatländern verändert ihr Leben

Sandra Dassler

Normalerweise wäre Efrat Alony an einem sonnigen Sonntag wie gestern mit Freunden zum Schlachtensee gefahren. Oder sie hätte ein wenig für die bevorstehende Tournee geprobt – mit ihrer Band, die genauso heißt wie die israelische Jazzsängerin: Alony. Normalerweise hätte Efrat gestern auch in Haifa zum Baden fahren können. Vor zehn Tagen ist sie dorthin geflogen, voll Freude auf den Urlaub mit ihren Eltern und alten Freunden, aber auch mit ein wenig Bangen.

„Da war ja schon ein israelischer Soldat im Gaza-Streifen entführt worden“, sagt sie. „Man wusste, dass es zu Auseinandersetzungen kommen würde.“ Dass sich der Konflikt so schnell auch auf den Libanon ausdehnen könnte, vor allem aber, dass ihre Heimatstadt Haifa selbst beschossen werden würde – damit hat Efrat Alony nicht gerechnet. „Heute war es schlimm“, erzählte sie gestern am Telefon. „Die Straßen menschenleer, viele Bereiche durfte man nicht betreten.“ Wenige Stunden zuvor waren bei einem Raketenangriff der Hisbollah auf Haifa acht Menschen getötet und sieben verletzt worden.

Efrat Alony ist es trotzdem lieber, jetzt in Israel zu sein. „In Berlin wäre ich vor Sorge um meine Eltern, meinen jüngeren Bruder und meine Freunde verrückt geworden.“ Auch wenn die 30-Jährige die Haltung ihrer Regierung beispielsweise zur Palästinenserfrage kritisch sieht, steht sie zum Vorgehen der israelischen Armee im Südlibanon: „Die Entführung der beiden Soldaten war eine Provokation, die man nicht hinnehmen kann“, sagt sie. Und: „Ich bin sehr traurig darüber, dass jetzt in beiden Ländern Zivilisten sterben. Aber so lange die südlibanesische Bevölkerung die Hisbollah unterstützt, werden immer wieder Menschen getötet.“

1997 kam Efrat Alony nach Berlin, weil ihr Freund, den sie beim Studium in den USA kennen gelernt hatte, hier lebte. Die Stadt hat ihr von Anfang an gefallen, auch wenn ihre Familie in Israel anfangs etwas irritiert war, dass es sie ausgerechnet nach Deutschland zog. Als Efrat ihr Studium an der Hochschule für Musik Hanns Eisler begann, war sie dort noch die einzige Studentin aus Israel. „Inzwischen leben viele junge Israelis in Berlin“, sagt sie. Die Musikszene begeistert sie, aber auch die Lebendigkeit der Stadt, in der sich so vieles so rasch verändert. Am 29. September kommt ihre neue CD heraus. Bis dahin will sie zurück in Berlin sein. Sie hofft, dass sich die Lage in Haifa dann wieder entspannt hat.

Auch Mario El-Feghali möchte am liebsten ganz schnell in jenes – normale – Leben zurück, das der 18-jährige Abiturient aus Tempelhof bis zum vergangenen Mittwoch geführt hat. Da sind seine Mutter Mouna und seine beiden jüngeren Brüder von Tegel nach Beirut geflogen. Mario sollte mit seinem Vater Moubarak nachkommen, aber schon am Freitag wurde der Beiruter Flughafen von israelischen Bomben lahm gelegt. Seitdem sitzt Mario meist vor dem Fernseher und verfolgt, was deutsche und arabische Sender berichten. Immer wieder ruft er bei seiner Mutter und den Verwandten im Libanon an. „Sie wohnen in einem Dorf nur wenige Kilometer von Beirut entfernt“, erzählt er. „Es liegt 350 Meter über dem Meeresspiegel und sie sehen von da aus die Detonationen.“ Heute will sich seine Mutter an die Deutsche Botschaft in Beirut wenden, sagt der Zwölftklässler. Seit bekannt wurde, dass eine deutsche Familie bei den Angriffen ums Leben kam, hätten alle Angst und wollten irgendwie zurück.

Am Samstagabend sei er mal kurz zur Loveparade gegangen, erzählt Mario El-Feghali. Aber er habe sich nicht lösen können von den Fernsehbildern und der Angst um Mutter und Brüder. „Da hat man friedliche, lachende Menschen vor sich und weiß, dass zur gleichen Zeit anderswo Unschuldige sterben. Plötzlich lebt man wie in zwei Welten.“

Als Mario ein Jahr alt war, sind seine Eltern mit ihm aus dem Libanon ausgewandert. Geflohen vor dem Krieg, der Armut und Hoffnungslosigkeit. Marios Vater hat seiner Familie in Berlin eine neue Existenz geschaffen. Seine Pizzeria „Queen“ ist in Tempelhof bekannt. Die El-Feghalis sind Maroniten, Christen also, deren Gemeinde in Berlin etwa 400 Mitglieder zählt. Natürlich sind sie alle der Ansicht, dass die Angriffe der Israelis, die schon so viele Zivilisten, darunter auch neun libanesische Kinder das Leben kosteten, unverhältnismäßig sind. Und sie beteten für eine rasche Lösung des Konflikts, sagt Moubarak El-Feghali. „Hier in Berlin haben wir gelernt, dass jeder Mensch ein Mensch ist – unabhängig von seiner Religion. Und dass man friedlich zusammenleben kann“. 1968 hat Moubarak vom Haus seiner Eltern aus gesehen, wie die Israelis den Beiruter Flughafen zerschossen haben. „Da war ich neun“, sagt er: „Und jetzt müssen meine Söhne dasselbe sehen. Offenbar hat dort niemand etwas dazugelernt. “

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