Zwischenbericht : 60 sexuelle Übergriffe am Canisius-Kolleg

Nach Angaben des Schulrektors des Canisisus-Kollegs, Pater Klaus Mertes, sind bislang 60 Missbrauchsfälle bekannt, die sich in der Zeit vor 1981 an dem Gymnasium ereignet haben. Das schreibt er in einem persönlichen Zwischenbericht an die Eltern, der dem Tagesspiegel vorliegt.

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Der Anwältin und Ombudsfrau des Ordens, Ursula Raue, sind laut Mertes 35 Missbrauchsfälle im Zusammenhang mit dem beschuldigten Ex-Pater Peter R. mitgeteilt worden. Weitere 25 Fälle gingen auf Wolfgang S. zurück. Nach 1981 soll es keine erneuten Übergriffe am Canisius-Kolleg gegeben haben.

Bis zum Ende des Schuljahres will die Schulleitung Handlungskonzepte zur Prävention und Intervention vorlegen. Auch die kirchliche Dimension soll eine Rolle spielen. Dabei gehe es auch um folgende Fragen: „Wie werden Themen wie Macht, Autorität, Hierarchie in der Schule und in der Jugendarbeit vermittelt? Wie wird die kirchliche Sexualmoral im Unterricht vermittelt? Wie kann in der Schule in der Ich-Form über Sexualität gesprochen werden, ohne Grenzen bei sich und/oder anderen zu überschreiten?“ Die Aufdeckung der Missbräuche stelle den Orden vor neue Fragen, die auch die konkreten Beziehungen zwischen den Mitbrüdern der verschiedenen Generationen betreffen. Bei den Übergriffen der 70er und 80er Jahre habe sich gezeigt, dass die Vorfälle aus der Institution heraus funktionierten.

Nicht allen Eltern ist das Tempo schnell genug, das der Schulleiter bei den Präventionsüberlegungen vorlegt. „Wir haben im Laufe der letzten sieben Wochen mehrere Briefe erhalten, in denen sie angekündigt wurden. Jetzt wurde das ganze auf Ende des Schuljahres verschoben. Doch von einem Rektor, der seit vielen Jahren von den Missbrauchsvorfällen weiß, hätte man nach sieben Wochen konkretere Angaben über Maßnahmen erwartet“, sagte der Vater einer Schülerin, der ungenannt bleiben will. „Pater Mertes weiß also immer noch nicht, was er zu tun hat.“

In den vergangenen Wochen habe es viele Gespräche zu dem Thema zwischen Eltern und Lehrern gegeben. Nachdem auch nach der Elternversammlung am zehnten Februar nichts geschehen sei, hätte ein Elternteil einen Brief an den Chef der deutschen Jesuiten, Stefan Dartmann, verfasst. In seinem Antwortschreiben habe dann dieser auf Frau Raues Vorschlag verwiesen, eine Kommission für Missbrauch einzurichten. Für weiteren Verdruss bei den Eltern habe die Verschiebung einer für den 8. März geplanten Klausurtagung geführt, bei der Lehrer und externe Ermittler das Thema Prävention besprechen wollten. Die Konferenz findet nun am Montag statt.

Der Elternsprecher einer Klasse, Christoph Baron, ist hingegen zufrieden. „Die Vorgehensweise der Schulleitung macht einen wohlüberlegten Eindruck.“ Mehrere seiner Kinder besuchen das Kolleg. Er selbst habe 1981 miterlebt, sagt er, wie die Missbrauchsfälle unter den Tisch gekehrt worden seien. Damals gehörte Baron zu den Mitschülern, die die Schulleitung über Peter R.’s Taten informierten.

Klaus Mertes weist die Vorwürfe der unzufriedenen Eltern zurück. „Mit einem solchen Vorwurf an die Presse zu gehen, das ist Schul-bashing. Ich freue mich über die große Zustimmung der Elternschaft, die mich begleitet hat.“ Bisher habe es keine Abmeldungen von Schülern am Kolleg gegeben.

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