Berlin : Zwölf Quadratmeter Wedding

Erst hatte die Mutter einen Schlaganfall, dann wurde die Wohnung geräumt. Wochenlang musste die Familie in einem Büroraum campieren

Ingo Bach

Ein kahler Büroraum des Ambulanten Pflegedienstes Medijan in der Bellermannstraße. Auf dem Boden liegen drei Matrazen, in den Ecken lose Haufen von Kleidung. Über den Flur gibt es eine kleine Toilette mit einem Handwaschbecken. Seit drei Wochen lebt hier eine vierköpfige Familie: die 41-jährige Emine A. mit ihrer 20-Jährigen Tochter Aatice und den Söhnen Mehmet (13) und Emrah (17). Vor drei Jahren kam die türkische Familie nach Deutschland – doch die seit einem Schlaganfall gehbehinderte Mutter und ihre Kinder sprechen fast kein Wort Deutsch. Sie wissen nichts über das Ämterwesen in Berlin, das Menschen in Not ein rettendes Netz sein soll. Und so strandeten sie schließlich hier: in einem Besprechungsraum, auf zwölf Quadratmetern Wedding.

Das Unglück begann mit der Spielsucht des Vaters. Statt Miete zu zahlen, verzockte der das Geld. Emine A. und ihre Kinder sahen keinen Grund, am Gatten und Vater zu zweifeln. Schließlich war er der Mann, er verdiente das Geld und er würde sich um alles kümmern.

Am Vormittag des 31. Oktober kam der Gerichtsvollzieher und räumte die Wohnung. Die Kinder waren in der Schule, der Mann auf Arbeit. Nur Emine A. saß wie immer daheim. Acht Monate lang hatte ihr Mann keine Miete gezahlt. Fein säuberlich trugen die Möbelpacker die Habe der Familie A. in den Keller des Hauses oder auf den Müll. Emine A. brachte der Gerichtsvollzieher ins Weddinger Sozialamt. Dort wusste man mit der stillen Frau, die sich nicht mitteilen konnte und keine Papiere dabei hatte, nichts anzufangen. Und fuhr sie zum Sozialpsychiatrischen Dienst, ein paar Straßen weiter. Dort auf dem Flur schließlich fand Manuela Michalak die wartende, verwirrte Frau. Michalak ist Geschäftsführerin bei Medijan und hatte Emine A. nach ihrem Schlaganfall zu Hause gepflegt. Sie holte die Frau erstmal in ihr Büro, wo schon ihre Jungs warteten.

Noch am selben Freitagabend bot eine Mitarbeiterin der Weddinger Behindertenhilfe eine vorübergehende Unterkunft an. Aber nur für die Mutter. Sie käme für das Wochenende in einer Tagespflegestelle unter. Die Söhne sollten in die Jugendnothilfe. Die Kinder protestierten. Sie hatten Angst um ihre Mutter. Um die Familie nicht zu trennen, boten die Mitarbeiter von Medijan ihren Besprechungsraum als Bleibe an. Alles schien gut zu werden. Schon am Montag, dem 5. November, fand die Weddinger Obdachlosenhilfe eine Wohnung für die vier. Einziger Haken: Sie würde erst am 15. November frei. Früher gebe es nichts für alle gemeinsam. „Wir entschieden: Sie können erst mal hierbleiben“, sagt Michalak.

Am 14. November platzte der Traum: der Vermieter der Wohnung entschied sich anders. Wieder begann das Ämter-Gerangel. „Die Familie sei nicht mehr obdachlos, beschied die Obdachlosenhilfe“, sagt Medijan-Geschäftsführerin Michalak. Nicht zuständig. Gestern schaltete sich Mittes Sozialstadtrat Christian Hanke ein und bot sofort eine Übergangswohnung an, mit einem Badezimmer. „Ich werde genau prüfen, wie es zu diesen Pannen kam“, sagte Hanke dem Tagesspiegel. Für die 20-jährige Aatice zählt jedoch nur eins: „Endlich wieder einmal baden.“

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