Berlin : Zwölf Sekunden auf sieben Zentimetern

Beim ersten „Stiletto Run“ sprinteten 100 Teilnehmerinnen über den Ku’damm

Nana Heymann

Die klimpernden Armreifen nimmt Elisabeth Mettke dann doch lieber ab. Sehen zwar gut aus, stören aber nur beim Sprinten. Ansonsten fühlt sich die 21-jährige Biologiestudentin aus Hellersdorf gut vorbereitet für den bevorstehenden 100- Meter-Lauf. Kurz vor dem Startschuss hat sie sich noch mal ein bisschen gedehnt und die Riemchen ihrer Stilettos ein Loch enger gezurrt. Damit der Schuh auch gut sitzt und nichts passiert auf dem Weg in die Zielgerade. Ihre Strategie für einen unfallfreien Lauf: möglichst auf den Fußballen rennen.

Insgesamt 100 Teilnehmerinnen sind dem Aufruf einer Modezeitschrift gefolgt und beteiligen sich am ersten „Stiletto Run“ auf dem Kurfürstendamm. Der fand gestern Nachmittag statt: im Rahmen des „Global Fashion Festivals“, Berlins Mode- Event unter freiem Himmel, der am heutigen Sonntag zu Ende geht.

Nach einer Modenschau verwandelt sich die Strecke zwischen Uhland- und Fasanenstraße in eine Sprintbahn. Die Qualifikationsbedingungen für die Sprinterinnen: Die Absätze ihrer Schuhe müssen mindestens sieben Zentimeter hoch und nicht breiter als anderthalb Zentimeter sein. Schon Stunden vor Beginn des Laufs versammeln sich an den Absperrgittern Schaulustige. „So einen Zirkus darf man sich doch nicht entgehen lassen“, sagt eine Frau, die in Begleitung ihres Ehemannes gekommen ist. Von einem Zirkus wollten die Teilnehmerinnen nichts wissen. Sie nehmen den Wettkampf ernst, denn die Gewinnerin erhält einen Einkaufsgutschein fürs KaDeWe. Wert: 10 000 Euro. „So leicht verdient man nie wieder so viel Geld“, sagt Elisabeth Mettke, die mit der Startnummer 13 antritt. Am Wegrand drücken ihr Eltern und Freundinnen die Daumen. Und halten schon mal ein Paar Flipflops bereit. Für den Fall, dass die Füße nach dem Lauf schmerzen. Doch daran will Elisabeth Mettke, die in einem modisch-sportiven Outfit mit Stirnband antritt, lieber nicht denken.

Ein Chip am Fußgelenk misst die Laufzeit und übermittelt sie beim Überqueren der Ziellinie automatisch an einen Computer. Auch wenn das Gedränge auf der Strecke nach dem Startschuss groß ist und sich einige Sprinterinnen mit Hilfe der Ellenbogen Platz verschaffen, stöckeln am Ende alle Damen unbeschadet ins Ziel – unter dem Jubel der Zuschauer.

„Im Mittelfeld wurde es ein bisschen problematisch, da war es sehr eng, und ich wurde beim Laufen behindert“, sagt Elisabeth Mettke nach dem Sprint. Da weiß sie wohl schon, dass sie nicht als Siegerin aus dem Rennen hervorgehen wird.

So ist es dann auch: Gewinnerin ist die Teilnehmerin mit der Startnummer 66. Sie ist die Strecke auf ihren sieben Zentimetern in zwölf Sekunden gerannt, heißt es bei der Siegerehrung. Und sie freut sich, als sie die hochhackigen Schuhe endlich ausziehen kann.

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