Berlin : Zwölfjähriger Junge verprügelte Lehrerin

63-jährige Frau durch Faustschlag schwer verletzt Schüler ist der Polizei schon mehrfach aufgefallen

Tanja Buntrock

Der Faustschlag kam unerwartet. Er zielte direkt ins Gesicht: In der großen Pause hat gestern ein zwölfjähriger Schüler der Lemgo-Grundschule in Kreuzberg eine Lehrerin des benachbarten Robert-Koch-Gymnasiums schwer verletzt. Die 63-jährige Jutta M. sank nach dem Faustschlag auf dem Schulhof zu Boden und verlor kurzzeitig das Bewusstsein. Zur Hilfe eilende Kollegen riefen einen Krankenwagen. Der Sechstklässler, der aus einer libanesischen Familie stammt, ist gestern nach Angaben der Schulverwaltung für zehn Tage vom Unterricht ausgeschlossen worden. Der Polizei ist der Schüler bereits mehrfach wegen Diebstahls, Hehlerei und Körperverletzung bekannt.

„Meiner Mutter geht es den Umständen entsprechend gut“, sagt Steffen M., der Sohn der Lehrerin. Ihr rechtes Auge sei völlig zugeschwollen. Jutta M. hatte ihrem Sohn den Vorfall geschildert: Demnach hatte sie am Montagmorgen Pausenaufsicht. Eine Gruppe von Schülern der Lemgo-Schule soll versucht haben, in das Gebäude der Robert-Koch-Schule zu gehen. Von einem ihrer Schüler habe die Mathematiklehrerin gehört, dass es eine Schlägerei geben solle. Vor dem Eingang habe dann der Zwölfjährige mit einem Ast vor Jutta M. gestanden „Als sie versuchte, ihn aufzuhalten, warf er den Ast weg und schlug ihr plötzlich mit voller Wucht ins Gesicht“, schilderte der Sohn den Vorfall. „Meine Mutter hatte immer schon mit schwierigen Schülern zu tun. Aber sie wurde noch nie tätlich angegriffen“, sagt der Sohn der Pädagogin. Der Angriff passierte in den letzten Wochen ihrer Dienstzeit: Ab den Sommerferien ist Jutta M. im Ruhestand.

Der Schulleiter der Robert-Koch- Schule bestätigt den geschilderten Ablauf des Angriffs. Jutta M. ist seit 40 Jahren im Dienst und über 20 Jahre an der Kreuzberger Robert-Koch-Oberschule. „Sie ist eine pflichtbewusste und den Schülern sehr zugewandte Lehrerin“, sagte er über die Klassenlehrerin der elften Jahrgangsstufe. Verärgert reagierte auch die Gesamtelternvertreterin der Lemgo-Schule, Traudl Kellermann, auf den Vorfall. Schließlich sei der Zwölfjährige der Schule erst vor wenigen Monaten „zugewiesen worden“, da er zuvor von mehreren anderen Schulen geflogen war. „Wir haben über 80 Prozent Ausländeranteil und genug Probleme. Daher haben wir uns bei der Schulaufsicht schriftlich beschwert, auch noch einen bekannten Problemschüler aufnehmen zu müssen.“ Der Sprecher der Schulverwaltung verteidigte dagegen die Schulzuweisung. „Wir wollen und können diese Kinder nicht verstecken.“ Die Zahl der emotional und sozial auffälligen Schüler habe sich seit 1996 von 800 auf 3000 erhöht.

Der Sohn der verletzten Lehrerin ist empört darüber, dass der Schulbehörde offenbar bekannt war, dass ein polizeibekannter Jugendlicher an die Nachbarschule seiner Mutter wechselte. „Die Lehrer hätten über diesen Schüler aufgeklärt werden müssen“, sagt er. „Diese Tat zeigt einmal mehr, mit welchen Verrohungen sich Lehrer an Berlins Schulen auseinander setzen müssen“, sagte Schulsenator Klaus Böger (SPD), der einen Besuch im Krankenhaus ankündigte. Er betonte, dass die Mittel der Lehrer, „und sei es das bloße Einschalten des Jugendamtes“ zu spät griffen. Auch die Eltern seien gefordert, doch viele verweigerten eine Mithilfe. Offenbar auch die Eltern des Zwölfjährigen. „Das Elternhaus hatte sich bislang allen Hilfsmaßnahmen, die auf einer Helferkonferenz angeregt wurden, verschlossen. Erst kürzlich stimmte der libanesische Vater zu, einen Familienhelfer in die Familie zu lassen.“

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