Berlin : „Zyklon B. ist der Inbegriff des Judenmordes“

Wolfgang Thierse über seine Entscheidung, die Arbeiten an der Imprägnierung der Stelen des Holocaust-Mahnmals zu stoppen

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Herr Thierse, was geschah bei der Kuratoriumssitzung, in der über den Anti-Graffiti-Anstrich gesprochen wurde?

Die Firma, die die Stelen herstellt, hat für den Graffitischutz ein Produkt der Firma Degussa ausgewählt. Als ich das erfuhr, entschied ich, den Vorgang dem Kuratorium vorzulegen. Was man wissen muss: Der Architekt des Mahnmals, der amerikanische Jude Peter Eisenman, hat sich aus drei Gründen für dieses Produkt entschieden. Es ist technisch besser, kostengünstiger und sieht ästhetischer aus als Konkurrenzprodukte.

Peter Eisenman kannte die Herstellerfirma?

Ja, er war ja bei der Kuratoriumssitzung anwesend. Ich füge hinzu: Degussa ist eine Firma, die sich mit ihrer Vergangenheit befasst hat, es ist nicht mehr die gleiche Firma wie damals. Aber mir war klar, dass nur durch eine einigermaßen einige Kuratoriumsentscheidung diese Vergabe bestätigt werden konnte.

Wie fiel die Entscheidung?

Diese Einigkeit ist nicht erzielt worden. Es gab eine lange, intensive und sehr ernste Diskussion, mit erwägenswerten Argumenten auf beiden Seiten. Eine 10-zu-8-Entscheidung erschien mir unmöglich. Deshalb sah ich keine andere Möglichkeit, als diesen Teil der Arbeiten zu stoppen.

Wäre die 10-zu-8-Entscheidung denn für oder gegen das Graffiti-Schutzmittel von Degussa ausgefallen?

Das weiß ich nicht. Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Herr Brenner, erklärte, dass ihm der Gedanke schlechthin unerträglich sei, dass die Firma, die das Zyklon B hergestellt hat, am Bau des Holocaust-Mahnmals beteiligt sei. Gegen ein solches Votum eines Vertreters der Ermordeten kann man schlecht argumentieren. In dieser Haltung wurden wir durch die Repräsentanten der Gedenkstätten bestätigt.

Wurde abgestimmt?

Nein, das wäre auch nicht sinnvoll gewesen. Man muss das Thema aber auch ohne falschen Eifer besprechen. Nachdem klar war, dass der Nachfolgestaat des Nazistaates ein Denkmal für die Opfer dieses ehemaligen Nazistaates errichtet, war unausweichlich, dass die Nachfolgegeneration der Täter daran beteiligt ist. Daran sind, unausweichlich, auch Firmen beteiligt, die in Naziverbrechen verwickelt waren. Darf man das überhaupt tun, ein solches Mahnmal bauen? Wir haben uns dafür entschieden. Die Frage war nur: Ist mit dem Stichwort „Zyklon B“ eine Grenze überschritten, die emotional für die Betroffenen nicht überwindbar ist, weil Zyklon B der Inbegriff des Judenmordes schlechthin ist?

Man kann sich durchaus Gedanken darüber machen, ob die Firma Degussa mit ihrer Vergangenheit richtig umgeht. Die Stiftung der Degussa trägt den Namen Hermann Schlossers. Schlosser war Vorstandsvorsitzender der Degussa seit 1939. Er war Wehrwirtschaftsführer…

Die Firma Degussa kann darauf verweisen, dass sie zu den aktivsten Förderern der Zwangsarbeiterstiftung gehört.

Es gibt einfach Dinge, die auch 58 Jahre nach dem Holocaust nicht gehen, und dies gehört offensichtlich dazu.

Das ist so. Die deutsche Geschichte ist immer noch anwesend, und dies nicht abstrakt.

Hat es im Kuratorium einen Riss gegeben, hat die Diskussion das Kuratorium entzweit?

Ich glaube nicht, weil ich die Debatte dann, ausdrücklich unter Zustimmung aller Beteiligten, zusammengefasst habe.

Haben Sie den am Bau beteiligten Firmen die Anweisung gegeben, künftig bei der Auftragsvergabe besonders sensibel zu sein?

Ja, das habe ich getan.

Die Fragen stellten Gerd Appenzeller und Klaus Kurpjuweit.

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