Berliner an Bord (1) : Übern See mit Anna

Annette Haag gab Computerkurse. Dann verliebte sie sich in ein Lotsenboot. Heute betreibt sie ihr eigenes Charterunternehmen:

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Schwimmendes Wohnmobil. Das Schiff, das Annette Haag und ihr Mann sich einst privat geleistet haben, war Basis für die heutige Charterflotte. Das Unternehmen haben sie nach diesem Schiff benannt: Anna Blume. Haags Charteryachten liegen in einem kleinen Hafen bei Zehdenick. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Schwimmendes Wohnmobil. Das Schiff, das Annette Haag und ihr Mann sich einst privat geleistet haben, war Basis für die heutige...

Annette Haags ältester Liebling ist hintenrum ein bisschen pummelig, aber doch süß, eine Sie mit Charme, eine nette Engländerin, old-fashioned, mit Vorzügen: robust, gemütlich. Vor allem aber gab die kleine Runde den Anstoß zu Annette Haags neuem Leben: Sie ließ die Volkswirtin, die im Frauencomputerzentrum an der Spree unterrichtete, zur Unternehmerin werden. Annette Haag, 53, ist seit einigen Jahren Chefin ihrer eigenen Bootscharterfirma, und der Liebling mit dem Pummelheck eines von sieben Schiffen, die sie in Berlin verchartert: für den kleinen Ausflug oder den großen Urlaub. Das Unternehmen heißt wie dieses Schiff: Anna Blume. Anna, das Lotsenboot, ist die erste Wahl der Chartergäste und auch zu Weihnachten gebucht.

Die Chefin sitzt an Bord der holländischen Sloep „Lucia“, ein mit Teakholz ausgekleideter edler Kahn im Stil holländischer Arbeitsboote: gut gebräunt, auf den Knien den Proviant, eine Schüssel Erdbeeren. Es geht von ihrer Berliner Anlegestelle in Oberschöneweide mit nur elf Stundenkilometern in Richtung Müggelsee. Die Sonne strahlt, Annette Haag hält sich das dichte, schwarze Haar aus der Stirn und sagt fröhlich: „Ich lass mich gerne fahren, aber ich würde nicht skippern, das ist mir zu stressig.“ Muss sie auch nicht, am Steuer sitzt ihr Mann Hansjörg Leser, Ingenieur von Beruf. Und in Mildenberg bei Zehdenick, wo Annette Haags große Schiffe im Neuen Hafen Ziegeleipark liegen, ist Kapitän Günter Fengler da, um Gäste akribisch einzuweisen oder sie zu fahren. Annette Haag ist die Frau fürs Organisatorische, eine Macherin. Eine, die sich nicht nur ums Kaufmännische kümmert, sondern die Boote bezugsfein macht oder den Schreinern sagt, wo der Ausbau langgeht. Ihre ersten Hausbootferien in Frankreich – das ist mehr als zehn Jahre her. Danach waren sie und ihr Mann infiziert. 2002 die Wende: drei Monate Auszeit vom Job für eine Bootsreise. „Wir gingen auf Mitte 40 zu und hatten den Eindruck, wir hätten nur gearbeitet.“ Freunde und Kollegen nahmen sie erst für voll, als sie hörten, die beiden hätten ein Boot gekauft. Das Paar wusste, was es wollte: ein Salonboot mit blauem Rumpf und offener Plicht; ein Schiff, das an holländische Segelkähne erinnerte. In einer friesischen Werft wurden sie fündig: Man baute ihnen eine Kent 28, ein Lotsenboot, ausgestattet nach ihren Vorstellungen – gemütliche Sitzecke, Küchenzeile mit Spülbecken, zweiflammiger Gasherd und Kühlschrank, große Nasszelle mit Dusche und Toilette, Böden und Wandvertäfelung in Teak. Sie nannten es nach einem Gedicht von Kurt Schwitters Anna Blume und gingen auf Fahrt, von Ende April bis Anfang August: Friesland, Holland, Belgien, Frankreich, Paris, Burgund.

Nach der Rückkehr schrieben sie das Boot zur Charter aus. „Klappt nie“, sagten Zweifler, „zu wenig Platz.“ Klappte doch. Sie fanden einen Charterer, das Schiff war ständig unterwegs, aber nicht gepflegt. Annette Haag beschloss: Dann mach ich das eben. Fand den Hafen in Zehdenick, arbeitete Törnvorschläge aus, strukturierte die Firma, erkämpfte sich als Freiberuflerin den ersten Kredit. Auch das zweite Boot, ein Stahlschiff, war nur für zwei, drei Leute ausgelegt. „Das hat wahrscheinlich unseren Erfolg ausgemacht. Wir sind einfach von unseren Bedürfnissen ausgegangen.“ Heute hat Annette Haag einen großen Stammkundenkreis für ihre Charter, vor allem Paare um die fünfzig, manche ehemalige Segler, die Kinder erwachsen.

Sie haben Auswahl: „Anna Blume“, das 8,45 Meter-Kajütboot, „Edmont Dantès“, der Cruiser, mit einem Rundum-Schanzkleid aus Mahagoni, „Don Giovanni“, das Loungeboot, aufsehenerregend, aber eben nur mit fließend kalt Wasser, „Lucia“, die 6,30-Meter-Sloep mit Cabrioverdeck. Oder Annette Haags Traumschiff, die Motoryacht „Anna Karenina“: 12 Meter lang, 115-PS-Motor. Die hat sie sich 2009 nach eigenem Entwurf ausbauen lassen, in Teak und Kirsche. Mit Arbeitsplatz und Küchenzeile, nicht Schränke, sondern Schubladen. Mit elektrisch bedienbarem Schiebedach im Salon und Gasbackofen. Mit Flatscreen-Fernseher, I-Pod-Anschluss und neuer Ankertechnik. Mit vier Türen, die den Innenraum offen erscheinen lassen. Und als der Schreiner sagte, geht nicht, sagte sie, egal, lasst euch was einfallen, dann ging es. Heute denkt sie, der Innenausbau von Booten wäre ihr Idealberuf gewesen.

Anna Karenina: Ein 350 000-Euro-Loft auf dem Wasser. Auch der Charterpreis ist Luxus: 2500 Euro die Woche. Es gibt Leute, die sich das leisten. Sie kommen aus Berlin, Bayern, Baden-Württemberg, der Schweiz oder Holland. „Die Männer dürfen fahren, die Frauen suchen das Boot aus“, sagt Annette Haag. Da lacht sie und ihr Mann am Ruder kann nur beipflichten. Und immer derselbe Effekt, wenn die Urlauber zurückkommen. „Die sehen so entspannt aus, so erholt, dass ich oft sage: Jetzt müsste man Fotos machen.“

Anna Blume Bootcharter, Görlitzer Ufer 1, Kreuzberg, Tel. 99 27 29 88. www.anna-blume-charter.de

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