Der Tagesspiegel : "Berliner Lösung ist die schlechteste von allen"

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Die fast zehnjährige Auseinandersetzung um das Schulfach Lebensgestaltung, Ethik, Religionskunde (LER) und den Status des kirchlichen Religionsunterrichtes in Brandenburg ist beigelegt. Nach der Landesregierung haben auch die großen deutschen Kirchen, die CDU-Bundestagsfraktion und die Eltern dem Vergleichsvorschlag des Bundesverfassungsgerichtes zugestimmt, nach dem LER als Pflichtfach für alle Schüler nicht angetastet werden darf, zugleich aber der kirchliche Religionsunterricht aufgewertet werden muss. Im Interview mit dem Tagesspiegel regt Brandenburgs Bildungsminister Steffen Reiche (SPD) eine Übernahme des Brandenburger Modells auch an den Berliner Schulen an.

Der Kompromiss im LER-Streit ist perfekt, seit die Erklärungsfrist beim Bundesverfassungsgericht gestern ablief. Wie ist die weitere Marschroute, um den von allen Seiten akzeptierten Kompromiss an Brandenburgs Schulen umzusetzen?

Der Landtag wird bis zur Sommerpause die notwendige Novelle des Schulgesetzes beschließen, so dass sie zum neuen Schuljahr in Kraft treten kann. Es liegt ein erster Entwurf vor, der in den nächsten Tagen in die Abstimmung mit den anderen Ministerien geht. Zugleich wiederhole ich meine Bitte an die Kirchen, mehr Religionsunterricht an Brandenburgs Schulen anzubieten.

Der Religionsunterricht soll, so will es Karlsruhe, gestärkt werden. Wie wird er in den normalen Stundenplan integriert?

Auch in der Vergangenheit haben sich die Schulen bemüht, den kirchlich verantworteten Unterricht in die Stundentafel einzubinden. Es hat seit meinem Amtsantritt keine konkreten Klagen gegeben. Dies kann mit gutem Willen von beiden Seiten auch in Zukunft organisiert werden.

Trotzdem warnen die Kirchen, dass Religion nicht als unattraktive Randstunde gegeben werden darf?

Solange nur eine kleine Gruppe von Kindern am Religionsunterricht teilnimmt, kann man mit Rücksicht auf die Mehrheit Religion nicht in den Mittelstunden geben. Sonst hätten zu viele Schüler Freistunden und die Schule müsste ihre Betreuung sicherstellen. Insofern ist es im Interesse aller, dass die kleinen Gruppen in den Randstunden unterrichtet werden - aber so, dass es einen direkten Zusammenhang zum normalen Unterricht gibt und sie keine Probleme mit dem Schulbus bekommen.

Es gibt keine Leerstunden für Schüler, die nicht am Religionsunterricht teilnehmen?

Nein. Im übrigen hat es bisher Leerstunden gegeben, weil es in einer sehr offenen Regelung des Landes die Möglichkeit gab, sich vom LER-Unterricht abzumelden, ohne am Religionsunterricht der Kirchen teilzunehmen. Das Verfassungsgericht hat diese bisher offene Praxis in Brandenburg beendet. Künftig darf sich vom ordentlichen Schulfach LER nur derjenige abmelden, der am Religionsunterricht teilnimmt. Wer das nicht tut, nimmt an LER teil.

Werden künftig erstmals Noten für den kirchlichen Religionsunterricht auf dem gesetzlichen Zeugnis erscheinen?

Ja, und wir haben Konsens mit den Kirchen, dass es keine individuellen Entscheidungen, sondern eine landesweit einheitliche Praxis geben soll.

Werden Sie den ins Stocken geratenen Ausbau des Schulfachs LER jetzt forcieren?

Auch in Zukunft wird gelten: Qualität geht vor Quantität. Wir brauchen genügend gut ausgebildete Lehrer. Ich bin sicher, dass wir es zum Ende der Legislaturperiode schaffen, in allen Schulen, in allen Jahrgangsstufen der Sekundarstufe 1 LER anzubieten. Und dass wir dann auch die Ausweitung von LER in die Jahrgangsstufen 5 und 6 der Grundschulen, wo es bislang nur einen Modellversuch gibt, in Angriff nehmen können. LER ist schließlich ein in Deutschland einzigartiges Fach.

So einzigartig, dass es auch in Berlin eingeführt werden sollte, zumal die Fusion beider Länder geplant ist?

Ich lade Berlin dazu ein, auf unsere Erfahrungen zurückzugreifen. Die Berliner Lösung ist die schlechteste aller Bundesländer. Das Brandenburger Modell könnte für die überfällige Verbesserung Pate stehen.

Sind die Chancen durch Rot-Rot gestiegen, LER in Berlin einzuführen?

Ich hoffe, ja.

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