Berliner Universitäten : Von Humboldt fasziniert

Was Jan-Hendrik Olbertz mit der HU vorhat: Der Präsidentschaftskandidat stellte sich an der Universität vor – und überzeugte mit Humor und klaren Worten. Er drängte auf eine Verbesserung des Bachelors. Studierende dürften "keine Versuchskaninchen" sein.

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Mit präsidialer Strenge. Von den HU-Professoren forderte Olbertz (rechts vorne), noch Kultusminister in Sachsen-Anhalt,...

Der neue Präsident der Humboldt-Universität in spe ist schlagfertig und hat Humor. Das konnten die etwa 200 Angehörigen der Humboldt-Universität feststellen, die am Dienstag zur öffentlichen Vorstellung des einzigen Kandidaten für das Amt gekommen waren. Jan-Hendrik Olbertz, noch Wissenschaftsminister in Sachsen-Anhalt, brachte sein Publikum mehrfach zum Lachen. So als eine Studierendenvertreterin die vom Kandidaten sicher nicht erwartete Frage stellte: „Halten Sie Amtsketten für ein zeitgemäßes Modeaccessoir?“ Olbertz fragte zurück: „Kann ich mir die erst mal angucken?“

Der Versuchung, sich für ein gutes Wahlergebnis am 20. April um klare Ansagen zu drücken, widerstand Olbertz allerdings immer wieder. Auch in Sachen Amtskette. Er sei ja vielleicht ziemlich konservativ, sagte er. Jedoch handle es sich bei der Amtskette auch „um ein Stück akademische Kultur“. Er würde sie zwar nicht jeden Tag tragen. Es könne aber durchaus Anlässe geben, bei denen die Universität das berechtigte Bedürfnis habe, dass ihr Repräsentant sichtbar ist. „Richtig, richtig“, murmelte es daraufhin aus den hinteren Stuhlreihen im Senatssitzungssaal.

Olbertz gelang es, Aufbruchstimmung zu verbreiten. Er sprach schnell und lebendig – wie der Konzilsvorsitzende Werner Röcke zum Schluss formulierte, so, als habe er „Lust“ auf das Amt.

Nach acht Jahren in der Politik unter Pragmatismusverdacht stehend, präsentierte sich Olbertz auch als Intellektueller, dem es keine Mühe macht, gestützt auf die Humboldt’sche Bildungsidee und den Gründungsmythos der Humboldt- Universität Aufgaben für die Massenuniversität im 21. Jahrhundert zu formulieren: „Humboldt fasziniert deshalb, weil sein Anspruch sich immer an der akademischen Wirklichkeit reibt. Denn er ist bis heute nicht eingelöst“, sagte der Erziehungswissenschaftler. Für ihn ist das kein Grund zur Resignation: „Das Konzept Bildung durch Wissenschaft ist einlösbar.“

Dazu seien Reformen in der oft noch sehr traditionellen Lehre nötig. Der Bachelor sei von der Politik schrecklich unprofessionell und ohne zusätzliche Hilfe für die Hochschulen eingeführt worden. Die Unis hätten das Ziel aber auch oft missverstanden und die alten Strukturen einfach in die kürzeren Studiengänge „umgebettet“, obwohl der Bachelor „von Grund auf anders konfiguriert“ werden müsse: „Und nun springen die Studierenden im Quadrat“, sagte Olbertz. Ihn regt das Thema durchaus auf. Mit schon präsidialer Strenge rief er den Professoren im Saal zu: „Ich verlange und erbitte Vorschläge für eine Curricularreform!“ Damit die jetzt in verunglückten Studiengängen eingeschriebenen Studierenden nicht länger als „Versuchskaninchen“ leiden, müssten auch zeitnahe Lösungen gefunden werden.

Olbertz hat mit der Humboldt-Universität etwas vor, das wurde schnell klar. Die großen Tangenten hat er schon im Kopf. Zum Beispiel will er mehr Macht für den Präsidenten. Er habe sich nach der Lektüre der einschlägigen Paragrafen in der Verfassung der HU gefragt: „Und das ist schon alles?“ Die Handlungsspielräume korrelierten nicht mit den Erwartungen an den Präsidenten: „Der Präsident muss Entscheidungen durchsetzen können“, sagte Olbertz. „Da müssen wir dann mal ran.“

Zugleich betonte er jedoch immer wieder, wie wichtig es sei, die Uni mit in Entscheidungen einzubeziehen: „Ich habe gesehen, dass die HU ein Kommunikations- und ein Transparenzproblem hat. Was die Leitung bewegt, ist nicht allen klar.“ Wenn Entscheidungen im stillen Kämmerlein getroffen würden, führe das zu „Entfremdung“ bei den Uniangehörigen, die sich an der HU durch eine ungewöhnlich hohe Identifikation auszeichneten, „sogar in wahrgenommenen Krisen“. Dieses Pfund müsse man nutzen. Auch müssten Beschlüsse der Gremien anders als bisweilen in der Vergangenheit umgesetzt werden

Olbertz will, dass die HU sich in Zukunft wieder den vor einigen Jahren eingesparten vierten Vizepräsidenten leisten soll, „um eine adäquate Organisation“ zu erreichen. Den jetzigen Ressortzuschnitt – internationale Angelegenheiten bilden ein gemeinsames Ressort für Studium und Lehre – hält er für „nicht überzeugend“.

Auch die Verwaltung will er reformieren. Sie sei unter den jeweiligen Ressorts der Vizepräsidenten zu stark voneinander abgegrenzt. Mehr „Querbezüge“ erlaubten „mehr Flexibilität“, etwa wenn es darum gehe, die Stoßzeiten im Zulassungsverfahren zu stemmen. Olbertz plädierte auch dafür, Verantwortung dezentral zu verlagern – begleitet von der Zuweisung entsprechender Ressourcen, die die Akteure erst in die Lage versetzen, ihre neuen Aufgaben zu bewältigen.

Der Historiker Johannes Helmrath erkundigte sich nach Olbertz’ Plänen zur Exzellenzinitiative: „Berlin hat drei Universitäten, aber das Siegel der Exzellenz ist asymmetrisch verteilt.“ Zur Freien Universität gebe es zwar eine „Partnerschaft, aber auch massive Rivalität“. Olbertz antwortete zum Vergnügen des Publikums: „Ich bin froh dass die Zahl der Exzellenzuniversitäten in Deutschland durch die Zahl der Universitäten insgesamt begrenzt ist. Ich weiß nicht, was eine Exzellenzuniversität überhaupt sein soll.“ Der Sieg in der Exzellenzinitiative sei jedenfalls „keine Schicksalfrage“: „Aber wir sollten alles daransetzen. Ich wäre wirklich froh, wenn wir es schaffen würden.“ Olbertz lobte die „Task Force“ von HU-Wissenschaftlern, die sich bereits in einem „Bottom-up“-Prozess zusammengefunden hat, um einen neuen Exzellenzantrag zu schreiben. Allerdings komme die Initiative „relativ spät“. Denn um den Antrag zum Erfolg zu führen, müsse die ganze Uni in seine Entwicklung einbezogen sein, die Gremien müssten ihn erörtern. Außerdem wollten die Exzellenzgutachter auch schon erste Veränderungen an der HU in die Tat umgesetzt sehen.

Schon wegen des Exzellenzwettbewerbs und der in der ersten Runde eingeworbenen Cluster muss die HU ihr zukünftiges Profil neu bestimmen und Verteilungskämpfe über die Zuordnung von Professuren zu Fachgebieten riskieren. Olbertz will sich solchen Konflikten gerne stellen: „Man muss den Mut haben, Schwerpunkte auch auf Kosten anderer zu setzen, sonst ist man nicht wettbewerbsfähig.“

Kann Olbertz mit einem guten Wahlergebnis rechnen? Er bräuchte es, um seine vielen Pläne umsetzen zu können. Denn auf eine Hausmacht an der HU kann er sich nicht stützen.

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