Berufseinstieg : Was ist ein gerechtes Gehalt?

Einstiegsgehälter für Lehrer: In der vergangenen Woche ist eine Tsunamiwoge der Empörung über mich hinweggerollt.

Harald Martenstein

Ich hatte über die hohen Einstiegsgehälter für Lehrer geschrieben, die Berlin neuerdings zahlt, und hatte einfach nur die von einem Institut ermittelten durchschnittlichen Einstiegsgehälter anderer Berufe genannt, ohne ein einziges Wort der Kritik – man kann das im Internet nachlesen. Es war eine kommentarlose Geschichte über das Vergleichen, mit der Pointe, dass man auf die jungen Lehrer nicht etwa neidisch sein sollte. Denn ihr stattliches Anfangserhalt erhöht sich im Laufe des Berufslebens fast nicht mehr, ein Beruf nach dem anderen überholt sie.

Massenhaft schrieben, zu meinem Erstaunen, Leute, ich würde Neid schüren, Lehrer schlechtmachen und Populismus betreiben, einfach nur, weil ich in aller Unschuld ein paar Zahlen genannt hatte. Diese Leute haben, glaube ich, nicht auf meinen Text reagiert, sondern auf Stimmen, die sie in ihrem eigenen Kopf hören. Wenn Sie ein schlechtes Gewissen haben oder rings um sich herum Missgunst wittern, meine Damen und Herren, dann machen Sie es bitte nicht mir zum Vorwurf.

Was ist ein gerechtes Gehalt? Sollte jemand eine überzeugende Antwort auf diese Frage wissen, ist er ein Kandidat für den Nobelpreis. Es gäbe sehr viele Kriterien, die man berücksichtigen müsste, zum Beispiel die Nützlichkeit einer Tätigkeit, ihre Schwierigkeit, die Dauer der Ausbildung, den finanziellen Wert, den diese Tätigkeit schafft. Aber wer soll das gewichten und beurteilen? Eine Behörde? Um Gottes willen. Mir fällt leider auch kein besseres Prinzip ein als das Gesetz von Angebot und Nachfrage, das sich zurzeit zugunsten der Lehrer auswirkt. Dazu kommt der Druck, den eine Berufsorganisation oder ein Individuum zu seinen Gunsten ausüben kann. Madonna bekommt für ein Konzert bedeutend mehr als die „17 Hippies“. Ist das gerecht? Schwer zu sagen. Wer eine kompromisslos „gerechte Welt“ schaffen will, landet bei Bürokratie und Hinrichtungskommandos. Das hatten wir schon.

Den jungen Lehrern missgönne ich ihr Gehalt nicht. Wenn ich mir, Lehrer betreffend, etwas wünschen dürfte, dann wäre es eine stärkere Berücksichtigung des Prinzips von Angebot und Nachfrage. Ein Musiker, der seinen Beruf mit Leidenschaft, Originalität und Fantasie ausübt, wird nach einer Weile mehr verdienen als sein Kollege, der die Noten lustlos herunterfiedelt. Die Leute hören dem einen einfach lieber zu als dem anderen. Ein Lehrer, der seinen Beruf liebt, sich ständig Neues einfallen lässt und an den die Schüler sich ihr Leben lang dankbar erinnern, sollte mehr verdienen, als Lehrer heutzutage bekommen. Die anderen dafür weniger. Bestimmt bekomme ich für diesen Vorschlag wieder Dutzende empörte Briefe.

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