Der Tagesspiegel : Besuch beim Tod ohne Altersbeschränkung

In Guben können jetzt auch Kinder zusehen, wie Leichen präpariert werden Der Bürgermeister der Stadt ist stolz. Andere demonstrieren vor der Tür

Sandra Dassler

Guben - Umrahmt von Chinesinnen in roten Gewänder durchschnitt der umstrittene Leichenpräparator Gunther von Hagens gestern das Band für sein „Plastinarium“. Ab dem heutigen Freitag können Besucher in den ehemaligen Gebäuden der Textilfabrik „Gubener Wolle“ an der Uferstraße nun plastinierte Menschen und Tiere besichtigen. An der Einrichtung scheiden sich jetzt die Geister.

Während Gubens Bürgermeister Klaus-Dieter Hübner (FDP) schwärmte, dass seine Stadt nun einzigartig in Deutschland und der Welt sei, protestierten etwas zwei Dutzend Einwohner gegen die „Störung der Totenruhe“. Am Vorabend hatte schon Bischof Wolfgang Huber von Hagens’ Projekt als „zynisch“ kritisiert. Dieser aber ließ sich nicht irritieren. Während die Demonstranten draußen „We shall overcome“ anstimmten, sprach er in den Ausstellungsräumen davon, dass er mit seinem „postmortalen Schönheitssalon“ wie James Bond für die Freiheit der Individuen kämpfe.

Der Bezug auf Bond war nicht zufällig. Ein „Highlight“ des Plastinariums, das auch viele bereits in den „Körperwelten“- Ausstellungen gezeigte Figuren enthält, ist für von Hagens eine Gruppe von zwei plastinierten Leichen und einem Skelett, die Poker spielen und auch im neuen James-Bond-Film zu sehen sind.

Eigentlich hatte von Hagens die Immobilien in Guben erworben, um dort eine Werkstatt zur Herstellung von menschlichen und tierischen Scheibenplastinaten einzurichten. Doch bevor die Produktion richtig losgeht, wird es nach seinen Aussagen noch mindestens ein Jahr dauern. Wie die Plastination erfolgt, können Besucher aber schon jetzt beobachten. Während der gestrigen Eröffnung lagen vier Leichen in den renovierten Räumen, an einer wurde gearbeitet. Den Bezug zur Stadtgeschichte sollten fünfzehn Skelette herstellen, die nebeneinander auf silbernen Stühlen saßen und ehemals in Guben produzierte Hüte trugen.

Kritiker bemängelten gestern unter anderem, dass auch Kinder in Begleitung von Erziehungsberechtigten die Ausstellung besuchen können – es gibt keine Altersgrenze. Die Kirchen und die PDS kündigten an, dies prüfen zu lassen. Außerdem erwägen sie eine Verfassungsklage.

Gunther von Hagens sieht darin nur einen weiteren Beleg für den „heuchlerischen Umgang mit dem Tod“. Deshalb sollen Bundeswehrsoldaten das Plastinarium kostenlos besuchen dürfen. „Dann können sie sich hier mit den Totenköpfen fotografieren lassen“, sagte er und spielte damit auf den aktuellen Skandal an. Gubener Einwohner erhalten sechs Euro Rabatt. Schließlich hatten sie sich in einer Befragung mehrheitlich für das Plastinarium ausgesprochen. 48 Arbeitsplätze seien schon entstanden, sagt Bürgermeister Hübner. Und ist sicher, dass ab heute die Besucher nur so nach Guben strömen werden. Vor allem aus Berlin. Und aus den Schulen, die angeschrieben wurden.

Das Plastinarium hat freitags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Erwachsene zahlen 12, Kinder und Jugendliche 6 Euro. Weitere Informationen unter 03561/5474860 oder www.plastinarium.de

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