Der Tagesspiegel : Besuchen Sie Küstrin – weil es nicht mehr steht

Das Zentrum der Oderstadt wurde im Krieg fast völlig zerstört. Polen und Deutsche wollen das Ruinenfeld nun wieder beleben

Claus-Dieter Steyer

Küstrin/Kostrzyn. Die Lage für das neue Hotel in der polnischen Grenzstadt Kostrzyn scheint auf den ersten Blick ungewöhnlich. Denn der laute Verkehr auf der nahen früheren Reichsstraße 1 kommt nie zur Ruhe, auch wenn den Grenzübergang kurz hinter der Oderbrücke noch keine Lastwagen passieren dürfen. Vor allem Berliner Autofahrer aber steuern das frühere Küstrin gern an, ist doch die heutige Bundesstraße 1 über Müncheberg und Seelow die kürzeste Verbindung ins Nachbarland Polen. Gleich hinter den Schlagbäumen – gegenüber dem Hotel, das Ende Februar eröffnen soll – liegt der Billigmarkt mit seinen überdachten Verkaufsständen für Textilien, kopierten CDs und Videos, Lebensmitteln und natürlich Zigaretten und Alkohol. Fast ausschließlich von deutschen Kunden leben auch die benachbarte Tankstelle und eine McDonald‘s-Filiale.

Doch den Hotelbetreibern wichtig sind gar nicht so sehr diese Ziele deutscher Tagesausflügler, sondern das Gebiet hinter und zu beiden Seiten des 60-Betten-Hauses – ein ungewöhnliches und in Europa einzigartiges Ruinenfeld: Von der Küstriner Altstadt stehen bis auf die Reste der Festung und des einstigen Berliner Stadttores nur noch die Grundmauern der früheren Häuser. Am Ende des Zweiten Weltkrieges, nachdem Küstrin von den deutschen Truppen zur „Festung“ erklärt worden war, wurde die Altstadt von der Roten Armee völlig zerstört. Dann richtete sie dort ein Kasernengelände ein – erst nach dem Abzug der russischen Truppen 1992 konnte die Suche nach Resten des „Karthagos des 20. Jahrhunderts“ beginnen.

Heute mutet ein Spaziergang gespenstisch an. Das alte Straßenpflaster ist von meterhohen Erdschichten befreit, doch die Häuser sind nur noch zu erahnen. Ein Eisenkreuz erinnert an den Standort des Altars in der Marienkirche, vom Rathaus sind einige Treppenstufen erhalten geblieben.

In den zurückliegenden Jahren gab es immer wieder Ideen für den Wiederaufbau der Stadt. 1999 wurden sogar vier Wohnhäuser am Rande des historischen Grundrisses der Altstadt errichtet – als Zeichen des Aufbruchs in diesem bis dahin vergessenen Stadtviertel. Doch die billigen Bauten waren ein „unüberlegter Schnellschuss eines Investors“, wie es später im Kostrzyner Rathaus hieß. Das Hotel aber soll nun wirklich den ernsten Willen der Grenzstadt beweisen, hier eine Gedenkstätte und eine Touristenattraktion zu schaffen. Zumindest die Marienkirche, das Rathaus und einige andere einst markante Gebäude sollen originalgetreu wieder erstehen. Das Geld oder wenigstens ein Teil dafür soll von der EU kommen.

Ein passendes Förderprogramm haben die Kostrzyner schon im Brüsseler Angebotsdickicht gefunden: „Convernet“. Es unterstützt die Entwicklung militärischer Hinterlassenschaften im Ostseeraum zwischen Schweden, Finnland, Litauen und Polen. Da die Oder in die Ostsee mündet, hat sich die Stadtverwaltung zusammen mit deutschen Partnern um Mittel aus diesem Fonds beworben. Die Chancen sollen gut stehen. Von vorerst 750000 Euro Anschubfinanzierung ist die Rede.

In Brandenburg arbeitet der Verein „Fort Gorgast“ in dem EU-Programm mit. Die einige Kilometer westlich der Oder gelegene Festungsanlage gehörte einst zur Küstriner Bastion und dient heute als Kulturstätte und Museum.

„Wir zeigen hier, was man aus einem militärischen Erbe machen kann“, sagt Christiane Schulz vom Verein. „Deshalb gelten wir auch als eine Art Vorbild für andere Hinterlassenschaften.“ Zusammen mit der Küstriner Altstadt, der Festung und der Oderinsel könnte die Gegend tatsächlich zu einem Anziehungspunkt für Touristen werden, glaubt sie. Der Vize-Landrat des Kreises Märkisch-Oderland, Rainer Schinkel, zieht den Kreis sogar noch weiter: „Das Museum über die Kämpfe auf den Seelower Höhen auf der deutschen Oderseite im Frühjahr 1945 darf in diesem Zusammenhang nicht vergessen werden.“ Für die vor der Küstriner Festung liegende Oderinsel warnt er allerdings vor zu großen Erwartungen. Große Teile seien Naturschutzgebiet und einige ehemalige Wehrmachtskasernen stünden unter Denkmalschutz.

Für diese Insel, über die der Straßen- und Eisenbahnverkehr zwischen Deutschland und Polen fast ununterbrochen rollt, liegt seit einem Jahr eine Machbarkeitsstudie vor. Darin war vom Bau eines großen Seniorenzentrums durch einen niederländischen Investor, von ausgedehnten Rad- und Wanderwegen und sogar von der Nutzung der Kasernen für das Europäische Zentrum für Vertreibung die Rede. Passiert ist seitdem nichts, zumindest auf deutscher Seite.

Davon wollen sich die Stadtverwaltung von Kostrzyn, mehrere rührige Vereine für die Belebung der Altstadt und einige Investoren nicht entmutigen lassen. „Wir kommen auch ohne die deutsche Seite voran, wollen aber eigentlich auf deren Hilfe nicht verzichten“, heißt es aus dem Kostrzyner Rathaus. Bei der bevorstehenden Hoteleröffnung soll gleich für den Wiederaufbau der Marienkirche gesammelt werden.

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