Betrug : Der Ball ist wund

Möglicherweise steht der Fußball vor einem Wettskandal, der die Dimension des Falls Robert Hoyzer bei weitem überschreitet. Welche Vorwürfe stehen im Raum und wie gehen Wettbetrüger vor?

Lars Spannagel

2,2 Millionen Euro in 90 Minuten – kein schlechter Stundenlohn. So viel Geld soll ein professioneller Wettbetrüger mit dem Bundesligaspiel zwischen Hannover 96 und dem 1. FC Kaiserslautern am 26. November 2005 verdient haben. Nach Informationen des „Spiegel“ setzte William Bee Wah Lim aus Malaysia, der damals in Baden-Baden lebte, insgesamt 2,8 Millionen Euro auf das Spiel, aufgesplittet in mehrere Teilsummen. Die größte Summe setzte er auf einen Sieg für Hannover mit mehr als zwei Toren Unterschied – 530 000 Euro. Schon nach 26 Minuten führte Hannover 2:0, am Ende steht es 5:1 für die Gastgeber, Lim kassiert 2,2 Millionen Euro. Drei Monate zuvor soll Lim sogar vier Millionen Euro auf das Zweitligaspiel zwischen dem Karlsruher SC und den Sportfreunden Siegen gesetzt haben. In beiden Fällen soll Lim Spieler bestochen haben, um ein gewünschtes Ergebnis zu erzielen.

Sollten sich die Vorwürfe bewahrheiten, würden die Manipulationen eine neue Dimension des Betrugs im Fußball darstellen. Die Wetteinsätze und Gewinne in den neuen Verdachtsfällen sind astronomisch hoch – nicht nur im Gegensatz zu den vergleichsweise geringen Summen, die im Fall des Schiedsrichters Robert Hoyzer umgesetzt wurden.

Ungewöhnlich an den nun verdächtigen Spielen ist allerdings, dass sie hochklassig waren und damit im Fokus der Öffentlichkeit standen. Wenn in den vergangenen Jahren Spiele im Verdacht standen, verschoben worden zu sein, handelte es sich meist um Liga- oder Europapokalpartien mit Beteiligung osteuropäischer Mannschaften und geringer öffentlicher Aufmerksamkeit.

Doch nun gibt es den Verdacht, dass selbst bei der Weltmeisterschaft 2006 zumindest ein Spiel verschoben worden sein soll. Der kanadische Autor Declan Hill erhebt im „Spiegel“ den Vorwurf, auch die 0:3-Niederlage von Ghana im WM-Achtelfinale gegen Brasilien sei abgesprochen gewesen. Ein asiatisches Syndikat habe mehrere Spieler Ghanas bestochen, ihr Team sollte mit mindestens zwei Toren Unterschied verlieren.

Wie Wettbetrüger Spiele manipulieren können, ist bekannt und vielfach belegt. Schwieriger ist es, die Betrugsversuche zu erkennen, nachzuweisen und zu verhindern. Professionelle Wetter versuchen, an Spieler oder Schiedsrichter heranzukommen und sie zu beeinflussen. Oft fungieren ehemalige Profis oder Betreuer als Mittelsmänner. William Bee Wah Lim soll Kontakt zu mehreren Spielern aus Kaiserslautern, Karlsruhe und Siegen gehabt haben. Alle bestreiten aber bislang, ihn zu kennen oder gar Geld von ihm angenommen zu haben. Und selbst wenn ein Verdacht besteht, ist es nahezu unmöglich, Absicht nachzuweisen, wenn ein Stürmer eine Chance verstolpert oder ein Torwart einen harmlosen Schuss passieren lässt.

Über das Internet ist es heute kein Problem, von überall auf der Welt auf nahezu jedes Sportereignis zu setzen – vom Baseball in den USA bis zum Frauenfußball in Schweden. Wetten auf eine Tor- oder Punktedifferenz haben die klassische Wette auf den Sieger eines Spiels längst abgelöst. Kürzlich wurde ein Schiedsrichter der amerikanischen Basketball-Profiliga NBA verurteilt, weil er Spiele manipuliert hatte. Dabei hatte er durch eine pingelige Regelauslegung, für die er ohnehin bekannt war, lediglich das Endergebnis in die Höhe getrieben. Auf das subtil veränderte Ergebnis wetteten dann seine Komplizen. Wenn ein Wetter zudem seine Einsätze auf viele Anbieter verteilt und nicht eigenhändig, sondern durch Agenten setzen lässt, sind Unregelmäßigkeiten kaum zu entdecken. Auch wenn Buchmacher und Sportverbände inzwischen professionelle Gegenmaßnahmen ergriffen haben.

Seit dem Skandal um Schiedsrichter Robert Hoyzer arbeiten der Deutsche FußballBund (DFB) und die deutsche Fußball-Liga (DFL) mit der Firma ISE zusammen, das den Internetservice betradar.com betreibt. ISE überwacht Wetten, bei Auffälligkeiten – zum Beispiel wenn verdächtig hohe Summen gesetzt werden oder wenn sich eine Quote dramatisch verändert – sendet ISE ein Warnsignal. DFL und DFB können dann den Schiedsrichter der betreffenden Partie informieren, Wettanbieter das Spiel aus ihrem Angebot nehmen oder keine hohen Einsätze mehr zulassen. ISE wird auch die jetzt unter Verdacht stehenden Spiele prüfen, Inhaber Hans Güth wollte sich auf Anfrage des Tagesspiegel nicht zum laufenden Verfahren äußern.

Die Vorwürfe gegen William Bee Wah Lim treffen keinen Unbekannten: Anfang 2006 wurde Lim verhaftet, weil er versucht hatte, einen Regionalliga-Spieler zu bestechen. Nach einem Jahr Untersuchungshaft gestand er Betrugsversuche bei deutschen Fußballspielen und wurde verurteilt, aber gegen eine Kaution freigelassen. Sein aktueller Aufenthaltsort ist unbekannt. Selbst seine Identität ließ sich vor Gericht nicht zweifelsfrei feststellen.

Sollte sich nachweisen lassen, dass bei der WM, auf der größten Bühne des Fußballs, betrogen wurde, droht dem Sport ein riesiger Vertrauensverlust. Über das Achtelfinale zwischen Ghana und Brasilien schrieb der Tagesspiegel damals in seinem Spielbericht, Ghana habe „merkwürdig unglücklich“ agiert.

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