Beutekunst : Verlust und Wiederkehr

Die Elfenbeingruppe "Herkules und Omphale" des Barockbildhauers Balthasar Permoser ist ins Berliner Kunstgewerbemuseum zurückgekehrt. Sie war jahrzehntelang verschollen.

Michael Zajonz
"Herkules und Omphale"
Nur 20 Zentimeter hoch: Die Elfenbein-Schnitzerei "Herkules und Omphale". -Foto: ddp

BerlinHerkules ist unbewaffnet. Mit dessen mächtiger Keule spielt Cupido, der kleine Gehilfe der Liebesgöttin Venus. Währenddessen hat sich Omphale, die Geliebte des antiken Helden, neckisch in sein Löwenfell gewickelt. Liebe macht wehrlos, das ist die Botschaft der nur 22 Zentimeter großen Elfenbeinskulptur von Balthasar Permoser, die gestern von Klaus-Dieter Lehmann, dem Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, im Berliner Kunstgewerbemuseum präsentiert werden konnte. Über 60 Jahre lang galt das kostbar-kleine Meisterwerk des Dresdner Barockbildhauers in Berlin als verschollen: geraubt im März 1945 auf einem Transport kriegsbedingt ausgelagerter Kunstwerke der Berliner Museen nach Schloss Arolsen bei Kassel.

Bei Sotheby’s in New York war das Kunstwerk vor zwei Jahren wieder aufgetaucht. Im Frühjahr 2006 konnten die Berliner Museumsleute ihren Besitzanspruch nachweisen: anhand alter Inventarlisten und eines Katalogs von 1923, in dem die „Herkules-Omphale-Gruppe“ abgebildet ist. Darauf entschloss sich der anonym bleibende Einlieferer, der Permosers Skulptur vor Jahren im amerikanischen Kunsthandel erworben hatte, sie gegen eine Aufwandsentschädigung an die Staatlichen Museen zurückzugeben. Ende einer Odyssee – und ein glücklicher Tag für die Berliner Museen. Da fällt es kaum ins Gewicht, dass sich wohl nie mehr wird klären lassen, ob 1945 ein amerikanischer Soldat oder ein angehender deutscher Schwarzmarkthändler das handliche Kunstwerk mitgehen ließ.

Rückgaben, die von Einzelpersonen geraubte Stücke betreffen, gibt es immer wieder – und noch immer schwere Lücken. Stiftungspräsident Lehmann und Günther Schauerte, der mit Restitutionsfragen befasste stellvertretende Generaldirektor der Berliner Museen, nutzten die Präsentation der Permoser-Preziose auch dazu, über den Stand der Aufarbeitung aller Kriegsverluste der Berliner Museen zu informieren. Gestern konnte ein weiterer Verlustkatalog der Museen vorgestellt werden (Lothar Lambacher u. a.: Staatliche Museen zu Berlin, Dokumentation der Verluste, Band VII, Skulpturensammlung: Skulpturen, Möbel, 24,80 €). Er listet alle Kriegsverluste der Berliner Skulpturensammlung auf: insgesamt 1611 Skulpturen, Reliefs, Medaillen und Möbel, die als verschollen oder zerstört gelten. Darunter befinden sich Werke von Tilman Riemenschneider und Donatello. Zumindest ein Teil davon hat sich erhalten: als sogenannte Beutekunst in den Geheimdepots russischer Museen.

Insgesamt könnten, schätzt Schauerte, bis zu 180 000 Objekte aus den Sammlungen der Preußenstiftung in den GUSNachfolgestaaten sowie in Polen lagern. Da die Rückgabeverhandlungen auf politischer Ebene seit Jahren stagnieren, wird der fachliche Kontakt zwischen den betroffenen Museen, Archiven und Bibliotheken immer wichtiger. Als Türöffner zu den Kollegen in Moskau und St. Petersburg und als „Missing Link zu den Kriegsverlusten“, so Lehmann, haben sich die bereits publizierten Verlustkataloge erwiesen, denen allein im nächsten Jahr vier weitere folgen sollen.

Auch gemeinsame Projekte wie die Merowinger-Ausstellung mit Beutekunstbeständen, die derzeit in der Eremitage in St. Petersburg zu sehen ist, sowie der Expertenaustausch im Rahmen der Initiative „deutsch-russischer Museumsdialog“ würden wesentlich zur Vertrauensbildung beitragen. Denn bislang lege sich bei Treffen mit russischen Fachleuten das Thema Beutekunst „wie Mehltau" auf die Gespräche, erklärte Lehmann.