Der Tagesspiegel : Bewegte Zeiten, bewegende Erinnerungen

Acht Jahre hat er Regine Hildebrandt gefahren – und fotografiert Jetzt werden Aufnahmen von Rainer Karchniwy ausgestellt

Dirk Becker

Brandenburg (Havel) - Am Anfang stand Rainer Karchniwy vor dem Chaos. Kisten voll unsortierter Fotos und Negative. Acht Jahre lang, von 1991 bis 1999, hatte Karchniwy Sozialministerin Regine Hildebrandt von Termin zu Termin gefahren. Oft hat er sie dabei fotografiert und die Bilder dann in Kartons gesteckt. Nun suchte Karchniwy in diesem Chaos Fotos für eine Ausstellung. Er wählte aus, verwarf wieder und suchte weiter. 40 Bilder sind für die Ausstellung über Regine Hildebrandt übrig geblieben, mit der am Sonntagabend die 16. Brandenburgischen Frauenwochen eröffnet werden.

Karchniwy nennt seine Fotos „Schnappschüsse“. Von Professionalität will der Hobbyfotograf nicht reden. Seit Jahren hat er ständig eine Kamera bei sich. Vor allem Landschaften haben es ihm angetan: „Nebel über Wiesen, Sonnenaufgänge und Sonnenuntergänge.“

Chauffeur von Regine Hildebrandt wurde er, weil 1991 ein Fahrer ausfiel. Bald wurde die SPD-Politikerin über Brandenburg hinaus für ihre engagierte, unangepasst direkte Art geschätzt. Als die Brandenburger SPD 1999 mit der CDU eine Koalition einging, verließ sie die Landesregierung. Am 26. November 2001 starb Regine Hildebrandt an Krebs.

„Eigentlich wollte ich gar nicht Ministerfahrer sein, schließlich ist man ständig unterwegs. Früh raus und oft erst spät in der Nacht wieder zu Hause“, sagt der 55-Jährige. Aber: „Regine und ich, wir passten zusammen wie zwei linke Latschen.“ Spricht er von seiner früheren Chefin, nennt er sie beim Vornamen. Als er noch ihr Fahrer war, war er der Herr Karchniwy und sie die Frau Hildebrandt.

Fragt man ihn, wie viele Kilometer er mit Regine Hildebrandt gefahren ist, dann sagt er sofort: „650 000.“ Dann fügt er hinzu: „Einmal um die Erde sind rund 40 000 Kilometer.“ So sind die beiden in den acht gemeinsamen Jahren etwa 16 Mal um die Erde gefahren. Sie hätten sich so gut verstanden, weil „ich Ohren und Mund geschlossen habe. Nur die Augen waren auf.“ Er habe sich stets auf die Straße konzentriert und Gespräche der Ministerin unkommentiert gelassen.

Irgendwann begann Karchniwy auf diesen Reisen, nicht nur die Landschaften, sondern auch die Ministerin zu fotografieren. „Ein Problem hatte Regine damit nie“, sagt er. Nur manchmal hob sie scherzhaft-drohend den Finger und sagte mit gespielter Strenge: „Herr Karchniwy!“ Er fotografierte sie bei offiziellen Besuchen, Grundsteinlegungen, im Gespräch mit Politikern und Bürgern. Er knipste sie im Auto beim Aktenstudium, wie sie auf ihn wartend auf der Treppe sitzt, allein im Landtag, mal in sich gekehrt, dann wieder laut lachend. „Es ist mein ganz persönlicher Blick auf sie.“

Eigentlich sollten diese Bilder nur persönliche Erinnerungen bleiben. Doch als Karchniwy 2001 bei einer Ausstellung seiner Landschaftsfotografien auch ein paar Bilder von Regine Hildebrandt zeigte, interessierten sich die Besucher fast nur dafür. Daraufhin holte Rainer Karchniwy seine Kartons mit den Bildern und Negativen hervor und begann mit der Auswahl der Bilder für eine ganz persönliche Ausstellung über Regine Hildebrandt.

Die Ausstellung ist vom 6. bis zum 11. März geöffnet: Mo, Di, Do, Fr 10 bis 18 Uhr, Mi 12 bis 18 Uhr, Sa 10 bis 14 Uhr. Fouqué-Bibliothek, Altstädtischer Markt 8

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