Bewerbung : Wenn Personalchefs aus der Hand lesen

Die Handschrift ist das A und O – Bewerber können sich mit Lockerungsübungen deutlich verbessern.

Christian Schnohr

Auch in den Zeiten von Online-Bewerbungen fordern einige Firmen ihren Kandidaten noch handschriftliche Lebensläufe ab. Die Firmen ziehen dann Graphologen heran, um so potenzielle Risikokandidaten erkennen. Graphologen lassen sich zwar auch mit noch so viel Übung nicht austricksen – doch das Schriftbild lässt sich zum Beispiel mit Lockerungsübungen verbessern.

„Der Charakter ruht auf der Persönlichkeit, nicht auf den Talenten“, sagte Johann Wolfgang von Goethe. Dieses Zitat nehmen sich viele Firmen als (Aus-)Wahlspruch. Sie suchen Bewerber nicht nur nach Lebenslauf, sondern nach Charakter aus. Doch da Kandidaten für sie unangenehme Eigenheiten in ihren Bewerbungen und Vorstellungsgesprächen verständlicherweise gerne ausblenden, greifen Personalchefs gelegentlich zu einer Geheimwaffe, den Graphologen. Dieser Berufsstand ist darauf geeicht, die geheimen Eigenschaften eines Menschen anhand der Schreibschrift zu erkennen.

Olivier Netter ist Graphologe. Der 53-jährige Berliner analysiert jedes Jahr mehrere Hundert Schriftproben. Vor allem mittelständische Unternehmen, aber auch Behörden und große Industriebetriebe arbeiten mit Schriftexperten zusammen. „Beim Schreiben benutzt der Mensch Muskeln. Daher funktioniert eine Handschrift wie ein Seismograph“, erklärt Netter. Bei seiner Analyse achtet Netter auf Merkmale wie Schrifthöhe, Verbundenheit der Buchstaben, Regelmäßigkeit oder Verschnörkelungen. So wird eine sich nach links neigende Schrift überwiegend negativ gedeutet und könnte auf Selbstbezogenheit hindeuten. „Aber es liegt nicht an Einzelmerkmalen, sondern das Gesamtbild ist entscheidend. Manche Schriften verraten ziemlich viel.“ Vor allem über die Vitalität und den Allgemeinzustand des Bewerbers bekommt Netter dadurch Informationen. Je nach Schriftbild erhält er aber noch ganz andere Ergebnisse: Ist der Bewerber kontaktfreudig oder eher introvertiert? Chaotisch, strukturiert oder beides? Kreativ oder gar ein Eigenbrötler?

Viele Bewerber versuchen, ihre Handschrift zu verstellen. Doch Betrügern entlarven die Graphologen in der Regel. Bei Alkoholikern zum Beispiel gäbe es zwei Arten von Schriften, sagt Netter: Die einen haben ein verwahrlostes Schriftbild, während die anderen zunächst kaum auffallen. „Die führen meist ein perfektes Doppelleben, sind ordentlich gekleidet und gewohnt, sich zu verstellen. Ihre Schrift ist oft überperfekt, wodurch man ihnen aber auf die Schliche kommen kann.“ Ist ein Betrug also ausgeschlossen? „Nein“, gibt Netter zu. Menschen mit Begabung und viel Selbstdisziplin könnten auch Graphologen hinters Licht führen. „Dann fehlt das Gefühl für die Schrift. So fehlen sowohl negative als auch positive Eigenheiten in der Bewertung – und das ist ja nicht unbedingt positiv.“

Sein Tipp: Ganz entspannt ans Werk gehen, normal, aber unbedingt leserlich schreiben. Und ehrlich überlegen, ob man mit seiner Persönlichkeit zum Job passe. Dann schreibe es sich wie von selbst. In jedem Fall rät Netter zu Ehrlichkeit: „Es ist sehr wichtig, dass man mit seiner Persönlichkeit ins Team passt. Sonst wird keiner glücklich.“

Steffen Westermann vom Berliner Büro für Berufsstrategie der beiden Ratgeberautoren Hesse/Schrader ergänzt: „Die Bewerber sollten auf eine klare, in eine Richtung gehende Schreiblinie achten, also nicht ,Herumkrakeln’. Dazu kann man ein liniertes Blatt unter die eigenen Unterlagen legen, um eine saubere, gerade Schriftlinie zu gewähren.“ Netter selbst kommt erst am Ende eines langen Auswahlverfahrens ins Spiel. „Ich sehe meist nur die letzten zwei oder drei Bewerbungen. Manchmal ist es erstaunlich, dass das offensichtlich die drei neurotischsten von allen sein dürften.“ Für ihn sei es allerdings wichtig, eine genaue Tätigkeitsbeschreibung der Firmen zu erhalten sowie über den Geist und die Stimmung im Team Bescheid zu wissen. Nur so könne er auch etwas über die Eignung eines Kandidaten sagen. Denn was bei einem Job positiv sei, könnte in einem anderen Team unpassend sein. Manchmal kann die Analyse eines Graphologen die Entscheidung der Personalchefs umkehren. In einem Fall fand Netter heraus, dass der aussichtsreichste Kandidat unter Burn Out leidet – er war erschöpft und ausgebrannt. Bei einem neuerlichen Gespräch bestätigte sich der Eindruck, der Bewerber bekam den Job nicht. Das Beispiel zeigt, wie viel die Handschrift über die Sensibilität eines Menschen auszusagen vermag. Bis zum 20. Lebensjahr sind Veränderungen der Handschrift noch ganz normal. Anschließend bleibt sie mit kleinen Abweichungen gleich. Nur bei besonderen Ereignissen – zum Beispiel bei Krankheiten oder schlimmen Erlebnissen – kann es im Erwachsenenalter noch einmal zu gravierenden Änderungen im Schriftbild kommen.

Es gibt sogar spezielle Angebote, um die gefürchtete Sauklaue zu verbessern: Sulamith Samuleit ist nicht nur geprüfte Graphologin, sondern auch Schreibbewegungstherapeutin. „Das ist aber kein Schönschreibtraining“, betont sie. Spezielle Lockerungs- und Konzentrationsübungen sollen Blockaden lösen und das Selbstwertgefühl stärken: „Die Handschrift wird lesbarer, die Menschen erhalten mehr Selbstvertrauen und finden sich in der Berufswelt besser zurecht“, erklärt Samuleit. „Die Kurse dienen aber nicht dazu, sich eine künstliche Fassade aufzubauen“, schiebt die 52-jährige Berlinerin nach. Auch sie rät dazu, klare, ordentliche und lesbare Schriftproben zu verfassen. Samuleit bietet ihre Dienste auch Menschen an, die sich beruflich orientieren möchten, in Form eines Persönlichkeitsgutachtens erfährt der Kunde seine Stärken und Schwächen. Mindestens 90 Euro kostet ein solches Gutachten, je nach Aufwand auch mehr.

Doch keine Panik – nicht jeder potentielle Arbeitgeber verlangt einen handschriftlichen Lebenslauf, um darauf eine intensive Charakterprüfung aufzubauen: „Viele Firmen fordern so etwas nur, um Kandidaten abzuschrecken, die nicht aus voller Überzeugung zu dem Unternehmen möchten“, erklärt Heiko Lüdemann vom Karrierenetzwerk CoachAcademy. In der Berliner Senatsverwaltung für Justiz ist ein handschriftlicher Lebenslauf für Bewerber zum höheren Dienst Pflicht. „Wir arbeiten nicht mit Graphologen zusammen. Aber gerade im Justizdienst ist eine leserliche Handschrift wichtig“, so Pressesprecherin Corinna Hartmann. „Außerdem können wir so überprüfen, ob jemand nur mit der Rechtschreibhilfe in Word fehlerfrei schreiben kann.“

Weitere Informationen unter:

www.graphologie.de

www.samuleit.de

onetter@compuserve.com

www.berufsstrategie.de

www.coachacademy.de

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben