Bhutto-Mord : Bushs Pakistan-Politik: Ein Scherbenhaufen

Benazir Bhutto war nicht nur in ihrem Heimatland die Hoffnung von Millionen auf eine demokratische Zukunft. Sorgfältig und mit viel Geheimdiplomatie hatte die US-Regierung ihre Rückkehr nach Pakistan eingefädelt - nun wächst die Sorge um ein politisches Chaos.

Frank Brandmaier

WashingtonDie USA sahen in der Oppositionsführerin eine Schlüsselfigur, um die strauchelnde, einzige islamische Atommacht vom möglichen Sturz in den Abgrund und die Region vor einer Katastrophe zu bewahren. Mit der Ermordung Bhuttos steht die Politik der Regierung von Präsident George W. Bush nun vor einem Scherbenhaufen. Und die Optionen Washingtons scheinen mehr als begrenzt.

Schon seit einiger Zeit war klar, dass das Weiße Haus von Präsident Pervez Musharraf, dem erklärten Verbündeten im Kampf gegen den militanten Islam, abrückte. Trotz Milliarden von Dollar an Militärhilfe entsprachen Islamabads Erfolge im Krieg gegen den Terror nicht eben dem, was die US-Regierung sich erhofft hatte. Derweil wuchs im eigenen Land der Widerstand gegen Musharraf. Seine zunehmend harte Hand gegen politische Widersacher machte es Washington immer schwerer, glaubwürdig als Anwalt für die weltweite Verbreitung der Demokratie aufzutreten. Doch ganz verzichten konnten die USA auf den Präsidenten auch nicht - zu groß ist der Einfluss des Ex-Generals auf die allmächtigen Streitkräfte Pakistans.

Suche nach Verbündeten beginnt

Benazir Bhutto sollte es richten, sollte im Gespann mit Musharraf das demokratische, moderate Element einer künftigen Regierung in Islamabad sein. Doch angesichts der tiefen Kluft zwischen den beiden Politikern zweifelte auch in der US-Regierung so mancher an dem Plan. Nun liegt alles in Trümmern. "Der Mord zeigt auf spektakuläre Weise das Scheitern der beiden wichtigsten Ziele Bushs in der Region", schrieb die "New York Times". "Sein Bestreben, der muslimischen Welt Demokratie zu bringen und militante Islamisten zurückzudrängen, die sich zäh in Pakistan halten."

Für Washington hat nun die hektische Suche nach einem politischen Verbündeten in Pakistan begonnen, der die Lücke füllen könnte. Die Zeit drängt. Niemand hegt Zweifel, dass dem Land in noch viel dramatischer Weise als bisher ein Abrutschen in das Chaos droht - und abermals wächst die Sorge, das Nukleararsenal könnte in die falschen Hände geraten.

Führungsvakuum innerhalb der Partei

Die US-Botschaft in Islamabad suchte laut "New York Times" noch am Tag des Anschlags Kontakt zu Mitgliedern der Partei von Ex- Ministerpräsident Nawaz Sharif, einem politischen Rivalen Bhuttos, den Washington wegen seiner Verbindungen zu islamischen Parteien sonst eher mit spitzen Fingern anfasst. Die Bemühungen der USA zeigten nur, befindet die Zeitung, wie schwer es für das Weiße Haus werden wird, einen verlässlichen Partner zu finden.

Auch in Benazir Bhuttos Pakistanischer Volkspartei (PPP) scheint es zunächst düster auszusehen. Zu sehr lebte die Partei einzig von der Person der Oppositionsführerin. US-Beamte sagten dem "Wall Street Journal", die Bemühungen seien "kompliziert". Der Mord habe in der PPP ein Führungsvakuum hinterlassen. Dabei dürften die USA aber auch nicht zu offensiv manövrieren, um die ohnehin schon weit verbreitete anti-amerikanische Stimmung in Pakistan durch allzu deutliches Eingreifen nicht noch weiter anzuheizen.

Pakistan-Politik gescheitert?

Für die Bush-Regierung ist die Bluttat derweil ein weiterer außenpolitischer Tiefschlag. Erst Anfang des Monats hatte ein Bericht der US-Geheimdienste, das iranische Atomwaffenprogramm sei bereits 2003 eingestellt worden, den Befürwortern einer äußerst harten Gangart gegenüber Teheran den Wind aus den Segeln genommen. Nun scheint die Pakistan-Politik an ihren Ausgangspunkt zurückgekehrt. Als Präsident Bush am Donnerstag den Anschlag vor der Welt verurteilte, sprachen seine versteinerten Züge Bände. (dm/dpa)