Biedermeier-Ausstellung : Hier ist alles schön

Ein paar Euro für einen Gang durch verlorene Idylle: Das DHM zeigt in einer sehenswerten Ausstellung die wunderbare Kunst des Biedermeier

Bernhard Schulz

Die Berliner Ausstellung im Pei-Bau schwelgt in erlesenen Möbeln, in Silber, Glas, Tapeten und Kleidern, wie man sie sonst nur höchst selten zu sehen bekommt. Das Deutsche Historische Museum Berlin (DHM) ordnet in mit der Ausstellung „Biedermeier. Die Erfindung der Einfachheit“ den Stil der Zeit zwischen 1750 und 1850 in der deutschen und österreichischen Kunst neu.

Die Auswahlkriterien des Chefs des Deutschen Historischen Museums, Hans Ottomeyer, sind dabei „Schlichtheit, Klarheit der Formen und künstlerischen Intention“ - und die werden von den rund 450 Objekten vorzüglich eingelöst. Die atemberaubend sorgfältig gearbeiteten Möbel und Gebrauchsgegenstände „präsentieren die Markenzeichen des Stils: klare, abstrahierte Formen, leuchtende Farben, das Fehlen von Oberflächendekors und die große Wertschätzung der Schönheit natürlicher Formen“. Dass die Objekte, zumeist in dem Jahrzehnt nach dem Wiener Kongress von 1815 entstanden und damit der Zeit der Restauration und der enttäuschten Hoffnungen des Bürgertums, durchaus adelige Auftraggeber hatten und sich stilgeschichtlich bereits bis ins ausgehende 18. Jahrhundert zurückverfolgen lassen, gehört zu den Überraschungen, mit denen Ottomeyer aufwartet.

Erstaunliche Modernität

In vielen Stühlen, Tischen und Sekretären bemerkt das heutige Auge eine Modernität, die sich bruchlos ins frühe 20. Jahrhundert verlängern lässt. Freilich erkennt man eben auch das allmähliche Zurückweichen der Handwerkskunst unter dem Druck der Manufakturproduktion. Mehr und mehr mussten Entwürfe standardisiert werden, wenn es sich nicht gerade um raffinierte Einzelstücke für den Wiener Hof handelte. Doch sogar das Wiener Kanapee von 1815, mit vergoldetem Flachrelief über der Rückenlehne und kunstvollen Draperien zwischen den Füßen höchst raffiniert, stammt aus der „Danhauser'schen Möbelfabrik“ – einer Fabrik!

„Einfach“ hingegen ist das Wiener Stehpult von 1825/30. Es ruft die Fron der bürgerlichen Büroarbeit vor Augen, mag es auch aus Schloss Laxenburg stammen. Nun, selbst der Habsburger Kaiser Franz I. ließ sich aktenabarbeitend in seinem Schreibkabinett darstellen, das in seiner Nüchternheit auf das Handelskontor einer frühen Unternehmergeneration verweist. Der Kaiser als oberster Kanzlist seines Staates: das genau ist der „biedermeierliche Kompromiss“ der Metternich-Ära, von dem in dem opulenten, übergewichtigen Katalog an anderer Stelle als bei Ottomeyer denn doch die Rede ist.

Bedrohte Idylle

Der Kunsthistoriker Werner Busch rückt aus der Sicht der bildenden Künste die angestrebte kritikfreie Aufwertung des Biedermeier zurecht: „Insofern ist es nicht falsch, von einer Biedermeierzeit zu sprechen, wenn man immer im Hinterkopf behält, was auch die Zeit im Hinterkopf hatte: dass diese vermeintliche Idylle bedroht erscheint.“ Den Gemälden, die – man sieht es allzu deutlich – nicht etwa auf Überprüfung der Hypothese hin gewählt wurden, sondern allein zu ihrer Untermauerung, ist jenes „Beschwörende“ deutlich abzulesen, „dass das Behauptete schon nicht mehr ganz geglaubt wird.“ Die Abgrenzung von Klassizismus und Romantik – die beide noch „glaubten“, was sie „behaupteten“ – misslingt.

Gewiss gibt es Gemälde – zeichnenderweise hauptsächlich in Wien –, die den Geist des Biedermeier, diese Adalbert-Stifter-Selbstbescheidung, geradezu vor sich hertragen. Aber stilgeschichtlich liegen sie nichtsdestotrotz zwischen der spätklassizistischen „heroischen Landschaft“ eines Joseph Anton Koch, der hier wieder einmal als Vorläufer herhalten muss, und der Postkartenexaktheit des Vedutenmalers Eduard Gurk.

Sie reihen sich bruchlos ein in den Naturalismus einer Epoche, die von den ungemein anschwellenden Naturwissenschaften geradezu gezwungen wurde, exakt bis in den letzten Blütenkelch zu malen, um glaubhaft zu sein. Erst die Fotografie räumt ab der Jahrhundertmitte damit auf und befreite die Kunst zu den subjektiven Möglichkeiten der Pleinair-Malerei - ein Aspekt, der im Katalog gänzlich fehlt.

Am Ende die Revolution

Nein, wenn man das Biedermeier definieren will, kommt man um eine klare Epochenbegrifflichkeit nicht herum. Die Stilgeschichte hilft allenfalls gattungsintern, zumal im Kunstgewerbe weiter. Insgesamt aber lässt sich diese Kunst nur aus dem zutiefst verstörenden Übergang der spätfeudalen zur bürgerlichen Gesellschaft erklären. Spätestens mit der Revolution von 1848 konnte es kein Biedermeier mehr geben – das ist der von der politischen Geschichte gesetzte Endpunkt.

Was ja nichts daran ändert, dass dem DHM eine höchst ästhetische Ausstellung gelungen ist, eine makellose Augenfreude, eine still gestellte Welt reiner Innerlichkeit. Allenfalls wünschte man sich mehr als ein einziges, durch Türflügel und Fensterrahmen angedeutetes Zimmer derart eingerichtet zu finden, wie es die zahlreich gezeigten „Zimmerbilder“ so detailfreudig darstellten, statt das Mobiliar die Wände entlang aufgereiht zu sehen.

Ach, und Carl Spitzweg? Wer ihn für einen Biedermeier-Maler hielt, wird ihn im DHM vermissen. Er gehört einer späteren Zeit an: Denn Spitzwegs schrullige Ironie bezeichnet nur mehr die Verfallsform nicht so sehr eines Stils, als einer Epoche, und spricht damit das Urteil über die biedermeierliche Idyllik, um nicht zusagen Tümelei. Sie gilt es im Kopf zu behalten, wenn man sich an den edlen Möbeln, Gläsern und schnörkellosen Silberwaren erfreut. Ihre Einfachheit verdankt sich enormem Aufwand.

DHM, Unter den Linden 2, Eingang Pei-Bau, bis 2. September. Katalog bei Hatje Cantz, 29 €, im Buchhandel 49,90 €.