Der Tagesspiegel : Big Brother in Vetschau: Adebare legten Webserver lahm - Mobbing wegen Nahrungsmangel - Fantourismus in Oberspreewald-Lausitz

Robert Ide

Nein, das war keine gute Idee mit "Big Brother". Überwachte Kandidaten, die sich gemeinsam in einem Haus einrichten und dann nach und nach selektiert werden - das kann nur Unglück bringen. Die Regeln sind einfach und brutal: Der Stärkere gewinnt, der Schwächere fliegt raus. Und zwar live, vor den Augen eines Millionenpublikums. Da bleibt kein Platz für Gefühle. Humanität ist out.

"Big Brother" ist nun auch in Brandenburg angekommen. Hier hat der Rausschmiss bereits seit vier Jahren System, und zwar bei lebendigen Störchen. Lachen Sie nicht, die Sache ist todernst. So ernst, dass Sie bereits im Tagesspiegel vermeldet wurde. Die tragische Geschichte ist rasch erzählt: In Vetschau, einer Stadt mit 7700 Einwohnern, hat eine Storchenfamilie eines ihrer Küken aus dem Nest geworfen. Hinausgestoßen in die freie Welt, starb es den Hungertod. Der Rauswurf (Begründung: Futtermangel) wurde live im Internet übertragen. Das wahre Leben in Echtzeit und in Farbe. Zu sehen bis zum echten Tod. "Big Brother" total.

Dabei hatte alles so friedlich angefangen. Die Storchenfamilie hatte sich ein kleines Nest gebaut, bescheiden wie der TV-Container von RTL 2, aber immerhin mit Ausblick. Abwechselnd wurden die Eier ausgebrütet. Drei Jungstörche durften sich schließlich im Nest tummeln und sich die Frühlingssonne des Spreewalds auf die Federn scheinen lassen. Doch die jungen Vögel konnten keinen Kontakt zur Außenwelt herstellen. Sie waren zu jung zum Fliegen und blieben auf die Versorgung von außen angewiesen. Voraussetzungen wie in Köln-Hürth, wo die Kandidaten ebenfalls rationiertes Futter bekommen. Dort spielt RTL 2 den Ernährer.

Auf den Altstorch in Vetschau fliegen auch Fans des "große Bruders". Mehr als 140 Internet-Anbieter richteten inzwischen Links zur Seite " www.storchennest.de " ein. Zeitungen, Zeitschriften und Agenturen berichteten, und Fernsehstationen sendeten live aus dem Informationszentrum.

Die Parallelen zwischen den Kölner Fernsehmachern und dem Storchenvater von Vetschau sind beängstigend. Beide beobachten ihre Kandidaten genau, bevor sie die vermeintlich Schwachen entlassen. Nur die Robusten bleiben übrig. Wer nicht telegen ist, fliegt aus dem "Big Brother"-Haus, und wer sich beim Zank ums Futter nicht durchsetzen kann, muss das Nest verlassen. In Vetschau erwischte es das Küken, das sich am wenigsten profilieren konnte: ein vier Tage junger Neuling.

Nun könnte man einwenden, bei "Big Brother" sei alles halb so schlimm. Da haben einige Verlierer nach der Show ihren großen Auftritt bekommen. Bei Zlatko war das sicher so, und auch Alex und Kerstin nahmen ein paar Termine wahr (wenn auch inzwischen getrennt). Aber eine Frage sollte angesichts des Storchendramas wohl erlaubt sein: Wo ist eigentlich Jona abgeblieben?

Fast 150 000 Internetnutzer haben im Mai das Storchennest des Weißstorchinformationszentrums Vetschau besucht. Im Vorjahr hatten sich für die Brut und Aufzucht der Adebare, die über eine Kamera ständig live beobachtet werden, nur 45 000 Interessenten begeistert. Der Andrang überlastete nach Angaben des Informationszentrums tagelang den Server. Die Internetresonanz führte auch zu steigenden Besucherzahlen in der Einrichtung.

0 Kommentare

Neuester Kommentar