Der Tagesspiegel : Bilanz 2000: Die Lausitz macht das Rennen

Reinhart Bünger

Für die Brandenburger war das Jahr 2000 ein gutes Jahr, für die Cottbuser war es sogar ein sehr gutes: Ihre Fußballer stiegen mit dem FC Energie am 27. Mai in die erste Bundesliga auf und sorgen über die Region hinaus für wachsendes Selbstbewusstsein. Doch nicht nur in der Lausitz stehen die wirtschaftlichen Zeichen günstig. Statistisch gesehen hatten Brandenburgs Haushalte im zu Ende gehenden Jahr das höchste Nettoeinkommen in den neuen Ländern und Ost-Berlin. Das monatliche Haushalts-Nettoeinkommen lag bei 4235 Mark. Mit diesem Geld rechnen vor allem die Betreiber des ersten wirklichen "Factory-Outlet"-Centers im Berliner Umland, das gegen den Willen der Berliner Landesregierung seit dem 25. Mai hochwertige Markenwaren feilbietet.

In diesem Jahr gingen zwei weitere Prestigeprojekte an den Start: Der Lausitzring - eine Rennpiste bei Hörlitz - wurde am 20. August feierlich eröffnet. Um den richtigen Namen der Attraktion wird indessen immer noch Runde um Runde gedreht. "EuroSpeedway" sollte das Betonband zunächst heißen, dann "EuroSpeedway Lausitz" - inzwischen werden sogar urheberrechliche Streitigkeiten vor Gericht verhandelt. Diese Sorgen hatte die CargoLifter AG zwar nicht. Doch die Firma, die die größten Transportluftschiffe der Welt bauen will, verzeichnet sinkende Aktienkurse. Dabei war die CargoLifter AG rund 60 Kilometer südlich von Berlin gut gestartet: Am 25. November wurde die größte freitragende Halle der Welt in Brand eröffnet. Mit 360 Metern Länge und 210 Metern Breite hätten darin neun Fußballfelder Platz. Ab Frühjahr nächsten Jahres sollen hier riesige Luftschiffe für den Transport schwerer Lasten gebaut werden.

Eurospeedway, Cargolifter und die Bundesgartenschau 2001 in Potsdam sind Großprojekte, die das Herz der Brandenburger (und das vieler Berliner) positiv bewegen - im Gegensatz zu einem anderen: Die Bundeswehr darf ein 13 000 Hektar großes Truppenübungsgelände in der Kyritz-Ruppiner Heide nicht als Bombenabwurfsplatz benutzen. Damit geht vor dem Bundesverwaltungsgericht am 15. Dezember zunächst ein jahrelanger Rechtsstreit zuende. Nicht nur die Bundeswehr wurde an die Leine gelegt: Am 1. August trat eine neue Kampfhundeverordnung in Kraft. Infolge der gestiegenen Sensibilität der Bevölkerung gegen bestimmte Hunderassen ist die Kapazität von 45 Plätzen im Tierheim Potsdam fast ständig erschöpft. Die Potsdamer Schlösser verzeichneten einen Positivrekord: 1,3 Millionen Menschen wollten im Jahr 2000 die Anlagen in der brandenburgischen Hauptstadt sehen. Die Besucherzahlen seien im Vergleich zum Vorjahr kräftig angestiegen, sagte der Chef der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg, Hans Joachim Giersberg.

Die Sozialpolitiker stritten über steigende Kita-Gebühren und - nach einem Paukenschlag im Herbst - über den Maßregelvollzug: Der Triebtäter Frank Schmökel flüchtete am 25. Oktober beim Besuch seiner kranken Mutter in Strausberg aus einer Klinik in Neuruppin. Auf seiner Flucht stach er auf Mutter und begleitetende Pfleger ein, erschlug später nach eigenem Eingeständnis einen Laubenbesitzer mit einem Spaten. Erst am 7. November wurde Schmökel im sächsischen Großdubrau von einer Funkstreifenbesatzung nach einem Hinweis in einer Laube überwältigt. Arbeits- und Sozialminister Alwin Ziel (SPD) bleibt vor allem deshalb im Amt, weil Ministerpräsident Manfred Stolpe (SPD) im Jahr 2000 bereits zwei Minister ersetzen musste: Finanzministerin Wilma Simon verließ am 20. September aufgerieben ihr Amt, das die SPD-Landtagsabgeordnete Dagmar Ziegler übernahm. Nach Simon schied Wissenschafts- und Kulturminister Wolfgang Hackel (CDU) am 5. Oktober aus der Regierungsmannschaft aus. Firmenbeteidigungen, die der Unternehmer nicht aufgeben wollte, hatten zu einem Konflikt mit der Staatskanzlei geführt. Auf Hackel folgte bereits am 18. Oktober Johanna Wanka nach, zuvor Rektorin der Fachhochschule Merseburg. Justizminister Kurt Schelter (CDU) blieb im Amt - obwohl dessen Büroleiter auf Wunsch des Chefs und auf Wunsch von CDU-Größen Druck auf eine Richterin ausübte, um ein Verfahren zu beschleunigen. Die Richterin wehrte sich, der Fall wurde öffentlich.

Zivilcourage war nicht allerorten in Brandenburg zu verzeichnen: Hakenkreuzschmierereien, Übergriffe und Pöbeleien von Rechtsextremisten sind auch zur Jahreswende an der Tagesordnung. Im Prozess um die tödliche Hetzjagd von Guben sprach das Cottbuser Landgericht am 13. November das Urteil. Acht junge Männer werden wegen fahrlässiger Tötung mit Jugendstrafen bis zu drei Jahren belegt. Die 18- bis 21-Jährigen hatten nach Überzeugung des Gerichts im Februar 1999 Jagd auf Ausländer gemacht. Der Algerier Farid Guendoul war dabei in Panik durch eine verglaste Haustür gesprungen - und verblutet. Ministerpräsident Stolpe bekannte in diesem Jahr selbstkritisch in einem Interview der "Zeit" - fast zeitgleich mit seinem zehnjährigen Amtsjubiläum -, den Rechtsradikalismus in Brandenburg verharmlost zu haben.

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