Bilanz : Kanuten stark - aber weniger erfolgreich

Mit dem Abschneiden einer gesamtdeutschen Mannschaft bei Olympia sind die Kanu-Wettbewerbe in Peking zu Ende gegangen. Zweimal Gold, zweimal Silber und dreimal Bronze sind die Bilanz. Vor vier Jahren in Athen erpaddelten die Deutschen viermal Gold und dreimal Silber.

Benedikt Voigt
Olympische Sommerspiele 2008
Bronze für Potsdam. Katrin Wagner-Augustin.Foto: ddp

88,8 Sekunden können sieben Jahre vergessen machen, das mussten die Kanuten Tim Wieskötter und Ronald Rauhe gestern lernen. Als sie im Ziel des olympischen Ruder- und Kanuparks in ihrem Boot erschöpft zusammensanken, wussten sie, dass ihre beste Zeit vorüber war. „Das Schlimmste ist, dass die Siegesserie genau da geendet hat, wo sie auf keinen Fall enden sollte“, sagte Wieskötter. Seit 2001 hatten das deutsche Kajakdoppel kein Rennen über 500 Meter mehr verloren. Bis gestern.

Wieskötter und Rauhe waren als größte Favoriten des gesamten deutschen Olympiateams auf eine Goldmedaille losgefahren – und kehrten nur mit Silber zurück. Die Spanier Saul Craviotto und Carlos Perez hatten das deutsche Boot um eine knappe Zehntelsekunde abgehängt. Die überraschende Niederlage des aussichtsreichsten deutschen Bootes überschattete die Bilanz des Deutschen Kanuverbandes am zweiten Finaltag. Zwar fuhren Katrin Wagner-Augustin im Einer-Kajak und Christian Gille und Thomasz Wylenzek im Zweier-Canadier zu Bronze. Doch weil Fanny Fischer und Nicole Reinhardt im Kajak-Doppel über 500 Meter nur Platz vier belegten, überwog die Trauer.

„Man kann nicht immer mit einer Medaille nach Hause gehen“, sagte Fanny Fischer. Heulend fiel sie ihrer Tante Birgit Fischer in die Arme. „Die beiden sind nicht spritzig losgefahren“, sagte die bekannteste Kanutin der Welt. Als achtmalige Goldmedaillengewinnerin bei Olympischen Spielen kann Birgit Fischer sich ein solches Urteil erlauben. Immerhin bleibt ihrer Nichte die Goldmedaille aus dem Kajak-Vierer vom Vortag.

An diesem Tag hatte auch Thomasz Wylenzek Silber gewonnen, hatte seine Medaille aber nicht in Empfang nehmen können, weil er mit einem Kreislaufkollaps ins Krankenhaus gebracht worden war. „Gestern habe ich halb im Koma gelegen, heute fühle ich mich topfit“, erklärte er, „in unserer Sportart geht man an die Grenze, und wenn man genug Ausdauer trainiert hat, kommt man auch schnell wieder auf die Beine.“ Er war mit Wut zu Bronze gefahren, weil er mit Christian Gille zuvor nur knapp die Goldmedaille verpasst hatte.
Für den Kanu-Cheftrainer Rainer Kießler kam die Niederlage von Rauhe und Wieskötter nicht vollkommen überraschend. „Die Welt ist seit zwei, drei Jahren zusammengerückt, gerade was die Konkurrenz im Kajak-Zweier über 500 Meter angeht“, sagte er. Auch diesmal zog das spanische Boot nach dem Start davon, führte zeitweise mit mehr als einer Länge, doch das deutsche Boot kam noch einmal sehr nah heran.

Die deutschen Kanuten kehren somit mit zwei Gold-, zwei Silber- und drei Bronzemedaillen von der Rennstrecke in Shunyi zurück. „Wir haben insgesamt gut abgeschnitten, der einzige Wehrmutstropfen ist, dass wir nicht drei Goldmedaillen geholt haben“, sagte Kießler. Vor der Zukunft ist ihm nicht bange, die Hälfte seiner Kanuten in Peking hat zum ersten Mal an Olympischen Spielen teilgenommen. Und sogar Ronald Rauhe und Tim Wieskötter schlossen ein Weitermachen bis zu den Olympischen Spielen in London zumindest nicht aus.