Der Tagesspiegel : Billige Sicherheit Deutschlands erste Ein-Euro-Bürgerwehr geht in Wriezen auf Streife – zum Ärger von Polizisten

Olaf S,ermeyer

Wriezen - Wenn der arbeitslose Ex-Polizist Thomas Hurtinger mit seinem kaukasischen Schäferhund Satan durch die Straßen von Wriezen (Märkisch-Oderland) streift, macht er das nicht nur, um mit Satan Gassi zu gehen: „Ich habe ein inneres Bedürfnis, hier für Sicherheit zu sorgen“. Umgetretene Straßenschilder, illegale Müllhalden, Garteneinbrüche – das sind die Verfehlungen, die der 40-Jährige und seine fünf Kollegen von der Bürgerwehr ahnden. Thomas Hurtinger lebt vom Arbeitslosengeld II. Und seit dieser Woche verdient er sich monatlich 120 Euro hinzu – als Ein-Euro-Jobber bezahlt ihn die Arbeitsagentur für den Dienst in der Bürgerwehr, für die er an 25 Stunden in der Woche Streife läuft. „Oft bin ich auch länger unterwegs – ohne Geld“.

Die Bürgerwehr hat das Motto „Sicher leben in Wriezen“ – als Verein besteht sie seit zehn Jahren, um dem „Mentalitätswandel“ nach der Wende zu begegnen. Siegfried Schwensow, 48, der arbeitslose Chef der Bürgerwehr, hat sich mit der Idee eines bezahlten Sicherheitsdienstes an die Bundesagentur für Arbeit gewandt. Der Versuch, sich damit selbstständig zu machen, war zuvor gescheitert. „Ich fand keine Kunden.“

406 Straftaten weist die Polizeistatistik des vergangenen Jahres aus. Mit einer Aufklärungsquote von 62 Prozent liegt die 8000-Einwohner-Stadt im Oderbruch über dem Landesdurchschnitt. „Die Sicherheitslage in Wriezen erfordert solche Streifen nicht. Damit wird den Menschen nur Sicherheit vorgegaukelt“, sagt Polizist Andreas Schuster. Er ist Landesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP) und warnt vor einer „Billigpolizei“, die zu einem schleichenden Stellenabbau führt. Schuster ist sauer auf die Arbeitsagentur. „Denn Ein- Euro-Jobs dürfen keine bestehenden Stellen gefährden.“ Er denkt über rechtliche Schritte gegen diese erste deutsche Ein- Euro-Bürgerwehr nach. Auch Innenminister Jörg Schönbohm (CDU) will die Angelegenheit prüfen.

„Diese Maßnahme wird über unser Jobcenter in Märkisch-Oderland betreut“, sagt Thorsten Wilke, Sprecher der zuständigen Arbeitsagentur in Frankfurt/Oder. Dem Vorwurf der GdP begegnet er nicht. Beim Jobcenter muss Schwensow monatlich die Einsatzpläne vorlegen. „Aber niemand hat dort die Führungszeugnisse dieser Leute überprüft“, beschwert sich Thomas Wilde von der Polizei in Märkisch-Oderland. Wriezen hat zwei Revierpolizisten im Tagesdienst. Danach ist die Funkstreife aus Bad Freienwalde zuständig: 12,5 Kilometer, eine Viertelstunde Fahrzeit – ohne Blaulicht. Die fünf Männer und eine Frau der Bürgerwehr sehen darin ein Sicherheitsrisiko.

Außer dem Ex-Polizisten Hurtinger sind sie alle arbeitslose Handwerker – mit den Befugnissen, wie sie jeder Bürger hat: „Wir dürfen nur beobachten und etwa bei einem Diebstahl jemanden so lange festhalten, bis die Polizei kommt“, sagt der 22-jährige André Schmitz. Sie sind unterwegs mit Handy, Taschenlampe und Kamera. Unbewaffnet und ohne Uniform.

Wie es scheint, finden die Wriezener Gefallen daran. „Ich war ja auch Hilfspolizist in der DDR. Solche Leute brauchen wir nicht nur in Wriezen, sondern überall“, sagt ein älterer Mann vor dem Bahnhof, wo sich die Streife postiert hat. Ein Passant pflichtet ihm bei: „Es wird Zeit, dass sich jemand um Ordnung kümmert“.

„Diese Bürgerwehr könnte selbst zum Sicherheitsrisiko werden“, sagt ein Polizist, der nicht genannt werden möchte. „Durch ihr Auftreten können Konflikte erst entstehen“.

Inzwischen haben sich in Wriezen Arbeitslose aus ganz Deutschland gemeldet: Das Beispiel könnte Schule machen.

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