Der Tagesspiegel : Bio-Bauern im Auftrieb: Wie ein kleines Dorf Berlin massenweise Körbe gibt

Claus-Dieter Steyer

Die hektische Betriebsamkeit im Öko-Dorf Brodowin bei Eberswalde sagt alles. Wer hier von der Landwirtschaft lebt, braucht sich in diesen Tagen nicht über mangelnde Arbeit zu beklagen. "Die Nachfrage übersteigt bei weitem unser Angebot", sagt der Marketingchef des ortsansässigen Landwirtschaftsbetriebes, Simon Ziegler. Brodowin schwimme auf der Sympathiewelle für die Bio-Bauern. Die 56 Mitarbeiter zählende Agrargesellschaft, die als größter Brandenburger Öko-Betrieb gilt, ernte nun die Früchte der schon Anfang der neunziger Jahre erfolgten Produktionsumstellung.

Auf die Felder, Weiden und Gartenplantagen kommt keine Chemie, die Schweine und Rinder erhalten keine Zusatzsubstanzen und selbst Antibiotika werden nur in Ausnahmefällen verabreicht. Bald soll darauf ganz verzichtet werden.

Seit den ersten Debatten über die BSE-Erkrankungen von Rindern im November hat sich der Absatz von Schweinefleisch verzehnfacht. "50 Schweine pro Woche liefern wir derzeit über die Schlachthöfe an Öko-und Bio-Läden in Berlin", berichtet der Marketingchef. Brodowin selbst könne aber wöchentlich höchstens sieben Schweine schlachten. Bei der Suche nach Lieferanten seien die Brodowiner auch auf Gut Schmerwitz bei Belzig gestoßen, das ebenfalls nach den strengen Kriterien des Öko-Landbaus produziere. Bei Rindfleisch aus Brodowin habe es im Unterschied zu den konventionellen Agrarbetrieben keinen Absatzrückgang gegeben.

Als bester Gradmesser für die Akzeptanz von Bio-Produkten gilt in dem am Rande der Schorfheide liegenden Dorf das Interesse für die eigenen "Ökokörbe" oder "Abo-Kisten". So heißen die Frei-Haus-Lieferungen mit allen denkbaren Lebensmitteln. 1400 Kundenadressen umfasst die Kartei derzeit, 95 Prozent davon in Berlin. "Die Grüne Woche brachte uns rund 350 neue Abnehmer", schätzt Simon Ziegler. Die Nachfrage sei riesengroß. Je nach Wunsch liefert der Brodowiner Betrieb frisches Obst und Gemüse, Milch, Butter, Quark, Mozarella und Käse aus der eigenen Molkerei, Eier, Säfte, Öko-Bier, Wein, Honig, Kaffee, Kartoffeln, Brot sowie Fleisch und Wurst aller Art an jede Adresse in Berlin, Eberswalde und Bernau.

Auch Bananen und andere Südfrüchte von ausgesuchten Lieferanten werden eingepackt. Der Mindestbestellwert liegt bei 18 Mark. Dazu kommen drei Mark Liefergebühr. Die Körbe werden individuell zusammengestellt. Auch einmalige Bestellungen sind jederzeit möglich. Die Internetadresse www.brodowin.de bietet nicht nur alle möglichen Angaben, sondern auch ein Bestellformular.

Während die Lieferfahrzeuge bis zum Herbst vorwiegend Kunden in Mitte, Prenzlauer Berg und in der westlichen Innenstadt ansteuerten, gibt es jetzt den größten Zuwachs im Osten. Marzahn, Lichtenberg und Köpenick haben mächtig aufgeholt. Zunehmend bitten auch Großküchen und Cateringfirmen um Waren aus Brodowin.

"Wir könnten auch alle Berliner Schulen oder zumindest die mit Schulspeisung beauftragten Firmen beliefern", versichert der Marketingbeauftragte. Die Eltern müssten vielleicht 20 Pfennig mehr pro Essen bezahlen. An den Brandenburger Öko-Bauern würde ein solches Vorhaben jedenfalls nicht scheitern, heißt es. Auch in Kitas, Krankenhäusern und Seniorenheimen sehen die Brodowiner Absatzchancen.

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