Der Tagesspiegel : Bio-lecker

In Brandenburg angebaut, in Berlin-Kreuzberg zu kaufen: Öko-Supermarkt LPG vermarktet märkische Bio-Produkte

Ariane Bemmer

Als die beiden Studenten sich überlegten, einen Bio-Laden-Verein zu gründen, war diese Art Essen ein Hobby für ein paar Gutverdiener, so wenig verbreitet, dass es auf der „Grünen Woche“ gar nicht vorkam. Werner Schauerte und Ludwig Rieswick mieteten einen kleinen Raum in Berlin-Neukölln und fuhren kreuz und quer durch Brandenburg, um Bauernhöfe zu finden, die Öko-Ware hatten. Das war 1994.

Zehn Jahre später spaziert eine grüne Bundesverbraucherministerin auf der Grünen Woche durch die proppenvolle Bio-Halle mit mehr als 100 Ausstellern, und die ehemaligen Studenten haben mit 250000 Euro Investitionen einen Bio-Supermarkt eröffnet. Nicht den ersten in Berlin, aber den größten. Deutschlands größten, wie der Branchenexperte Kai Kreuzer sagt. LPG heißt der Laden , so wie in der DDR die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften hießen. „Damit wollten wir betonen, dass wir in der Region einkaufen“, sagt Werner Schauerte.

Bio-Ware kam damals noch vornehmlich aus dem westdeutschen Wendland. Zum anderen stehen die Anfangsbuchstaben für „lecker, preiswert, gesund“. So steht es in Orange auf der grünen Wand an der Ecke Mehringdamm und Obentrautstraße in Berlin-Kreuzberg. Der Laden ist die sechste Filiale des Vereinsprojekts und die erste, in der auch Nicht-Mitglieder einkaufen können.

Mit großen Einkaufswagen schieben die Kunden durch die Regalreihen, wählen aus oder legen weg, an den Kassen sind Warteschlangen, weil viele Kunden mit ec-Karte zahlen und das dauert. Es ist hell und groß hier, es ist ein Supermarkt, aber ein eher spartanischer. Ein bisschen wie früher im Osten. Aber die Regale sind voll, randvoll.

Die zwei Beine, auf denen der Bio-Supermarkt laufen soll, heißen „Große Auswahl“ und „Niedrige Preise“. 4000 Artikel gibt es, in der Käsetheke liegen mehr als 60 Sorten, es gibt ein Regal mit gut 20 Broten, eine Wand voller Weine, Sekte, Schnäpse, Kaffee, Tee zum Selbstabfüllen, Obst und Gemüse, kistenweise Saft, Wasser, Bier, eine Kühltruhe mit Pizzen und Fertiggerichten, Marmeladen, Fleisch, Müslis, Makrobiotisches, Katzen- und Hundefutter, Windeln, Shampoo, Duschgel, Kosmetika und sogar Toilettenpapier – auch wenn das „nicht wirklich bio“ ist, wie Schauerte zugibt.

Großeinkäufe sind möglich: Vor der Tür gibt es mehr als 50 Parkplätze. Zweimal täglich wird neue Ware geliefert, 90 Prozent davon kaufen Schauerte und Rieswick über einen Großhändler, 40 Prozent kommen aus Brandenburg. Sie selbst suchen nur selten aus, außer vielleicht Äpfel. Für die fahren sie durch die Region, und wenn sie kaufen, dann immer gleich die ganze Ernte. Nach der Saison kommen die Äpfel auch im LPG-Markt aus Neuseeland. Weil die Leute ja das ganze Jahre Äpfel essen wollen und: „Wir wollen hier einen Service bieten, wir wollen die Kunden nicht erziehen.“

Bei den Preisen bemühe man sich, zumindest die Basisprodukte auf Karstadt-Niveau zu halten. Einiges kostet sogar weniger. Ein Liter Apfelsaft: 99 Cent, „soviel wie bei Lidl“, sagt Schauerte. Er habe kurz überlegt, 98 Cent zu nehmen und zu werben mit „billiger als bei Lidl“. Das Roggenmischbrot kostet 2,55 Euro, der spanische Rotwein 5,75 Euro, 100 Gramm milder Hausbergkäse 1,35 Euro, die 375-Gramm-Packung Schokomüsli kostet 2,99 Euro, der Liter H-Milch 1,15 Euro, die Nuss-Schokolade 1,50 Euro. Wobei dies die Preise für Nichtmitglieder sind. An jedem Artikel hängen zwei Preise. Nach wie vor ist LPG ein Verein.

Für 17 bis 20 Euro im Monat wird man Mitglied und zahlt den geringeren Preis. Statt 2,55 Euro fürs Brot nur 1,65 Euro, für den Wein statt 5,75 Euro nur 4,60 Euro, den Käse statt 1,25 Euro nur 99 Cent.

Rund 5000 Mitglieder hat LPG insgesamt in Berlin, die meisten wohnen im Umkreis der sechs Filialen. Seit der Supermarkteröffnung sind 500 neue Mitglieder dazu gekommen. Viele LPG-Mitglieder seien Familien, sagt Schauerte, aber auch Leute, die früher nicht in Naturkostläden gegangen wären, weil es ihnen da zu muffig ist und irgendwie zu ideologisch.

Für Schauerte ist Bio kein Lebenskonzept. Als er 1994 den LPG-Verein gründete, hatten er und Rieswick junge Familien als Zielgruppe vor Augen. Die sich bis dahin Bio-Essen nicht leisten konnten. Für die sollte es durch die Vereinsstruktur billiger werden. „Das war eine Marktlücke.“ Das ist es den Zahlen nach auch heute noch: Der Anteil von Bio an den Lebensmitteln betrage zwei Prozent, sagt Schauerte.

An seiner prosaischen Einstellung zur Öko-Antwort auf Hunger und Durst hat sich nichts geändert. Obwohl man im Laden vom Gefühl getragen wird, der Einkauf hier helfe, die Welt besser zu machen, nennt Schauerte als Argument fürs Bio-Essen: „Das schmeckt einfach besser.“

LPG, Mehringdamm 20 - 30, Telefon (030) 69819400, Mo.-Fr. 9-20 Uhr, Sa. 9-16 Uhr

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