Der Tagesspiegel : Blaues Wunder

Auf der polnischen Oderseite lockt eine Aral-Tankstelle – die gar keine ist

Olaf S,ermeyer

Osinów Dolny - Die vier blauen Aralfahnen sind schon aus Deutschland zu sehen. Dazwischen spannt sich eine blaue Stahlkonstruktion, unter der Tankwarte mit blauen Aralanzügen deutsche Autos betanken. Die Nummernschilder sind eindeutig. Die Fahrer stehen Schlange für den billigen Sprit im Nachbarland. Das kleine Dorf Osinów Dolny am Ostufer der Oder, gegenüber von Hohenwutzen, lebt von Tank- und Einkaufstouristen, es gibt noch einige weitere Tankstellen, außerdem einen großen Markt, einige Friseurläden und so genannte Begleitagenturen. Ansonsten nur Wald und Wiesen.

Nichts Besonderes also – außer dass „es gar keine Aral-Tankstellen in Polen gibt“, wie Detlef Brandenburg sagt. Er ist Pressesprecher des Aral-Konzerns mit Sitz in Bochum, weit weg von der polnischen Grenze. Und er spricht von Betrug. „Das ist Irreführung der Kunden. Es kann nicht sein, dass in Polen unter der Marke Aral irgendein Kraftstoff verkauft wird und der Anschein erweckt wird, als handele sich dabei um unser Produkt.“ Weniger überrascht zeigt sich einer der polnischen Konkurrenten des Etikettenschwindlers: „Das ist doch ein alter Trick; die Deutschen tanken da, weil sie Aral von zu Hause kennen.“

Das Geschäft mit dem Vertrauen der Kunden dürfte gerade dieser Tage besonders gut laufen – denn viele Tanktouristen sind von Meldungen verunsichert, dass in Polen das Benzin oft mit Wasser gepanscht werde. Zudem lockt dort ein durchschnittlicher Preis für den Liter Super von 91 Cent – in Berlin sind es rund 1,20 Euro.

An der vorgeblichen Aral-Tankstelle selbst will sich kein Mitarbeiter äußern. Ein Kunde aus Eberswalde sagt: „Ich fahre hierher, weil ich dachte, dass das Aral ist. Bei einer freien Tankstelle würde ich nicht tanken.“ Andere Tanktouristen erklären, dass sie gerade hier tanken, weil es einerseits billig sei, sie aber dennoch die Erdölraffinerie PCK in Schwedt unterstützen wollen. Das gehört mehrheitlich den Konzernen Shell und Aral – und bietet rund 2000 Arbeitsplätze in der strukturschwachen Uckermark.

Unklar bleibt, was man wirklich tankt, wenn man bei „Aral“ in Osinów Dolny tankt. Wer an der Kasse eine Quittung verlangt, erhält eine handgeschriebene mit dem Stempel „Poltank“.

Jedenfalls drohen den Markenpiraten von Osinów Dolny nun wohl rechtliche Schritte des Aral-Konzerns: „Wenn so etwas in Deutschland vorkommt, klagen wir sofort“, sagt Pressesprecher Brandenburg in Bochum. Die falsche „Aral“-Tankstelle dürfte Schwierigkeiten bekommen.

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