Der Tagesspiegel : Bleibt sauber!

Wie kann ein Neustart im dopingverseuchten Radsport aussehen? Und welche Beteiligten müssen ihr Verhalten ändern? Eine Analyse

Frank Bachner[Mathias Klappenbach],Friedhard Teuffel

Der Radsport hat seine Glaubwürdigkeit verloren. Die Geständnisse der vergangenen Wochen haben gezeigt, dass die ganze Sportart vom Doping unterwandert ist. Dennoch rollen schon die nächsten Pelotons durch Europa, als wäre nichts gewesen, beim Giro d’Italia etwa oder in Deutschland bei der Bayern-Rundfahrt. Am 7. Juli beginnt die Tour de France. Der Verdacht wird sie auch in diesem Jahr treu begleiten. Dennoch wird im Radsport nach den Geständnissen vom Neuanfang geredet. Nur: Wie sieht er aus, und wer muss was dafür tun?

Der Bund Deutscher Radfahrer (BDR): Der BDR ist aufgewacht und hat sein Kontrollsystem verschärft. BDR-Präsident Rudolf Scharping will eine Steigerung der Trainingskontrollen um 50 Prozent. Fraglich ist aber, ob die Nationale Anti-Doping-Agentur (Nada) dafür genügend Geld hat. Die deutschen Rennställe, Sponsoren und Veranstalter wollen sich an den Mehrkosten beteiligen. Als Grundlage für bessere Kontrollen ist eine Datei geplant, in der die Blutwerte von 260 Kaderathleten und von allen Profiradfahrern erfasst werden sollen.

Bewertung: Die Führungskräfte im Verband, die jetzt das Tempo erhöhen, waren bisher als Bremser aufgefallen. Rudolf Scharping geriert sich als harter Antidopingkämpfer, unterbindet aber bei der Bayern-Rundfahrt kritische Fragen zum Doping. Er will niemanden für die Nationalmannschaft nominieren, der verdächtig ist. Aber er freut sich, dass der Dopingsünder Zabel nicht gesperrt wird. Der Profi könnte bei der WM 2007 in Stuttgart fahren. Scharping übernimmt auch die von Experten bezweifelte Version von Zabel, nach der dieser nur eine Woche mit Epo gedopt habe. Zudem verkündete Scharping öffentlich und ohne Einschränkung, Andreas Klöden, der Tour-Dritte 2006, sei nicht gedopt gewesen. Eine Aussage, die Experten nie wagen würden.

Die Nationale Anti-Doping-Agentur (Nada): Die Nada hat im vergangenen Jahr im Bereich des BDR 453 Dopingkontrollen vorgenommen, davon 192 im Training. Sie erhält allein von der deutschen Telekom, dem Konzern hinter dem T-Mobile- Team, 150 000 Euro, damit lassen sich mehr Kontrollen finanzieren. Allerdings wäre auch ein mobiles Labor nötig, um bei Rennen oder in Trainingslagern Blutproben zu nehmen und Profile erstellen zu können. Dafür fehlen Geld und Personal. Die Nada will mehr Aufklärung betreiben. Erfolgversprechend wären Auftritte von geständigen Dopingsündern bei Jugendlichen. Die Erfahrung zeigt, dass Berichte bei Talenten und Jugendlichen mehr wirken als trockene Vorträge von Trainern oder Funktionären.

Bewertung: Die Nada benötigt mehr Geld und eine bessere personelle Ausstattung. Die Probleme mit sogenannten „missed tests“ – vergebliche Kontrollversuche bei nicht angetroffenen Athleten, die den zuständigen Verbänden nicht gemeldet wurden – müssen zudem behoben werden. Daran arbeitet die Nada derzeit. Die Nada muss ebenso wie der BDR unbedingt auch die Prävention verstärken.

Die Profiteams: Sehr unterschiedlich ist die Positionierung der Teams der Pro Tour. Die meisten haben inzwischen ausformulierte Antidopingprogramme. Die Bandbreite reicht aber vom ambitionierten Programm von T-Mobile, das bei seinen eigenen Fahrern bereits das Indizien liefernde Verfahren der Blutvolumenmessung anwendet, bis zum Team Discovery Channel aus den USA, das dem schwer belasteten Ivan Basso noch einen Vertrag gab. Das verstieß gegen den Ethik-Code, den sich die Teams auferlegt haben. Eine Abstimmung der Teams darüber, ob Discovery deshalb ausgeschlossen werden solle, endete gespalten: 8:7 dagegen.

Bewertung: Entscheidend ist, wie viel Druck die Sponsoren auf die Rennstallbetreiber machen und inwiefern sie sich als Antidopingkämpfer profilieren wollen. Von grundsätzlicher Einsicht kann nicht die Rede sein. Zudem befinden sich die Rennstallbetreiber in einer Übergangsphase, in der sie mit dem aktuellen Personal wirtschaftlich überleben müssen. Gerade bei den kleineren Profiteams unterhalb der Pro Tour haben viele verdächtigte Fahrer einen Job gefunden. Doping wird dort kaum anders behandelt als noch vor einem Jahr.

Die Kontrolllabors: Die überraschendsten Dopingproben nützen nichts, wenn die Sportler mit Methoden und Substanzen betrügen, die in den Kontrolllabors nicht nachgewiesen werden können. „Die Geständnisse der Fahrer haben an unserer Strategie nichts verändert“, sagt Mario Thevis vom Kölner Dopingkontrolllabor. Die Radprofis haben vor allem Doping mit Erythropoetin eingeräumt. Epo ist seit 2001 nachweisbar. Anders verhält es sich mit Eigenblutdoping, das Jan Ullrich und anderen Fahrern unterstellt wird, deren Blut beim spanischen Arzt Eufemiano Fuentes gefunden wurde. Um einen Hinweis auf Blutdoping zu bekommen, müssten Blutprofile der Fahrer angelegt werden. Mit ihnen könnte auch herausgefunden werden, ob Athleten mit anderen Substanzen wie Anabolika an die zulässigen Grenzwerte herandopen. „Für Blutprofile müsste den Sportlern mindestens alle 14 Tage Blut abgenommen werden“, sagt Thevis und ergänzt, dass ein solches Blutprofil nur einen Hinweis auf Eigenblutdoping geben könne, aber kein gerichtsfester Beweis sei. An einem solchen arbeitet er gerade mit seinen Kollegen. Auch der Nachweis von Wachstumshormon ist in den Labors im Moment nicht möglich: Die Welt-Antidoping-Agentur (Wada) hat den Labors nicht die Antikörper geliefert, die für das Testverfahren benötigt werden.

Bewertung: Die Labore haben viel erreicht, aber der große Durchbruch wäre erst ein gerichtsfestes Nachweisverfahren für Eigenblutdoping. Um das zu beschleunigen, müssten Sportverbände und die Nada den Labors mehr Geld zur Verfügung stellen.

Der Welt-Radsportverband (UCI): „100 Prozent gegen Doping“ heißt das Programm, das die UCI im April gemeinsam mit den Pro-Tour-Rennställen verabschiedet hat. Es kostet eine Million Euro und sieht die erhebliche Ausweitung von Trainingskontrollen, die Einführung von Blutkontrollen und DNS-Tests für alle Fahrer vor. UCI-Präsident Pat McQuaid, der in den vergangenen Jahren zwischen verschleiernder Besänftigung und punktueller Aufklärung hin und her lavierte, hat nun seine Schutzhaltung aufgegeben und den Kampf ernsthaft aufgenommen.

Bewertung: Keine andere Sportart unternimmt derzeit so viel wie der Radsport. Jeder will jetzt mit jedem zusammen kämpfen, wie die „Heilige Allianz“ aus Tour-Chef Prudhomme, Team-Vertreter Lefevere und UCI-Präsident McQuaid zeigt. Die UCI allein hat nur begrenzten Einfluss, weil der Radsport mit den großen Veranstaltern und den autonomen Teams dezentral organisiert ist.

Der Staat: Noch im Juli soll das „Gesetz zur Verbesserung der Bekämpfung des Dopings im Sport“ verabschiedet werden. Es sieht vor, dass Arzneimittel künftig gekennzeichnet werden müssen, wenn sie zu Dopingzwecken im Sport eingesetzt werden können. Außerdem werden die Strafen verschärft, wenn es sich um banden- und gewerbsmäßige Dopingstraftaten handelt. Der Staat kann dann auch Telefone überwachen, das war bisher nicht möglich. Die bedeutendste Neuerung durch das Gesetz ist jedoch, dass man sich strafbar macht, wenn man bestimmte Mengen an Dopingsubstanzen besitzt. Bei einem Verdacht auf Dopingmittelbesitz kann der Staat also fortan Polizisten zum Ermitteln losschicken. Wie groß die Menge sein muss, um sich strafbar zu machen, ist aber noch nicht festgelegt.

Bewertung: Das neue Gesetz könnte etwas verändern, wenn der Staat konsequent jedem Verdacht nachgeht und Ermittlungen einleitet, also Durchsuchungen vornimmt und Telefone abhört. Allerdings müssten dazu auch sogenannte Schwerpunktstaatsanwaltschaften eingerichtet werden, die sich im Doping gut auskennen. Das aber ist Ländersache, und bisher hat noch kein Bundesland die Einrichtung einer solchen Spezialstaatsanwaltschaft angekündigt.

Schlussbewertung: Der Schlüssel liegt in der nötigen Vernetzung. Die Fäden sollten auf jeden Fall bei der Wada zusammenlaufen, sie ist unabhängiger als die Sportverbände. Bei ihr könnten die Blutprofile der Athleten gespeichert werden.