Der Tagesspiegel : „Bloody Design“

Das dänische Studio „Jacob Jensen Design“ überzeugt mit perfekt durchdachten Alltagsobjekten

Nora Sobich

Selbst für das moderne Dänemark war es eine kleine Sensation, als 1999 ein Industriedesigner in den ehrwürdigen Kreis der „Großen Dänen“ aufgenommen wurde – was ungefähr einem nationalen Super-Verdienstorden mit allen Schnörkeln und Anhängseln entspricht. Jacob Jensen, 1926 in Kopenhagen geboren, gilt unangefochten als Pionier des Audio-Designs. Der Phono- und Fernsehgerätehersteller „Bang & Olufsen“ avancierte nicht zuletzt wegen der schlichten, funktionalen Jensen-Entwürfe zum internationalen Spitzenproduzenten in den sechziger und siebziger Jahren. Ähnlich dem Deutschen Dieter Rams, der in der Nachkriegsmoderne als Chefdesigner der Firma Braun eine gestalterische Revolution auslöste, wird Jacob Jensen von der Zunft gleichsam die Neudefinition einer Designsprache für Hifi-Geräte zugestanden. Außerhalb Dänemarks wurden seine zweckmäßig eleganten Entwürfe zum Synonym für dänisches Design. Spätestens Ende der siebziger Jahre erlangte er dann endgültig internationalen Kultstatus, als ihn das Modern Museum of Art in New York mit der spektakulären Einzelausstellung „Bang & Olufsen – Design for a sound by Jacob Jensen“ ehrte.

Mit einer gewissen Nüchternheit, der natürlich auch eine Prise Eitelkeit beigemischt ist, meint Jensen heute zu seinem Erfolg: „Ich bin nur ein normaler, kleiner Junge mit einem guten Stift.“ Ihm sei es vor allem immer darum gegangen, Dinge zu entwerfen, die zu den Menschen sprechen, die ihre Benutzer geistig bewegen. Mit fast achtzig Jahren hat sich Jensen von den Geschäften aber inzwischen weitgehend zurückgezogen. Das Studio „Jacob Jensen Design“ (www.jacob-jensen.com) wird seit 1990 von Sohn Timothy Jensen geführt. So wie andere Kinder fürs Rasenmähen bezahlt werden, wurde der 1962 geborene Timothy schon als Teenager mit Geld ins väterliche Studio gelockt. „Ich musste mich vor eine Tafel stellen und einfach nur atmen, am nächsten Tag nur vertikale und am übernächsten nur horizontale Linien zeichnen“, erzählt Timothy Jensen, der nach den Lehrjahren beim Vater in Italien und Australien studierte und bis 1998 auch als externer Chefdesigner für den deutschen Küchenausstatter Gaggenau arbeitete.

Das Unternehmen „Jacob Jensen Design“, das vor einigen Jahren für die Vermarktung eigener Produkte noch um den Zweig „Jacob Jensen Brand“ erweitert wurde, arbeitet immer noch nach der präzisen, unverwechselbaren Jensen Art. Die technischen Alltagsobjekte wie Telefone, Wecker, Timer, Wetterstationen, Rauchmelder, Raumthermometer oder Uhren, die heute ein neunköpfiges Jensen-Team in dem in Jütland, direkt am Meer gelegenen Studio entwirft, werden in einem schier endlosen Wiederholungsprozess überarbeitet, bis alle Proportionen perfekt sind – oder eben nicht. Anfang der achtziger Jahre, erinnert sich der alte Jensen, wurden bei der berühmten „Bang & Olufsen“-Musikanlage, die erstmalig CD, Radio und Tapedeck in einem einzigen Gehäuse integrierte, allein 67 Modelle in der Größe eins zu eins erstellt. Vielleicht ist es diese Perfektion, die Jensens Hifi-Geräte nicht altern lässt. Ob der berühmte Plattenspieler Beosystem (1969), die hippen bunten Kofferradios Beolit 400-600 (1970) oder die Stereoanlage Beolap 5000 (1967) mit dem legendären Schieber statt Knopf – allesamt gelten inzwischen als heiß begehrte Klassiker. Die vor 25 Jahren für „Bang & Olufsen“ entworfenen Lautsprecher werden sogar heute noch produziert.

Neben der Arbeitsmethode steht auch die väterliche Purismus-Philosophie unverändert wie ein Leitstern über dem Studio „Jacob Jensen Design“. Die in diesem Jahr auf den Markt gebrachte Küchenwaage „Jacob Jensen Scale“, ein Objekt mit digitalem Anzeigesystem, hat dann auch keinen Knopf zu viel. Ähnlich reduziert wirken die modernen Wetteranzeigen. Auf die Frage, ob bei all diesem Minimalismus nicht die derzeit wieder zunehmend gefragten haptischen und sinnlichen Bedürfnisse auf der Strecke bleiben, zuckt Jensen nur mit den Schultern. Den technischen Fortschritt könne man nicht aufhalten. „Die nächste Produktrevolution wird nicht wie damals bei ihm vom Design, sondern nur von der Technik ausgehen“, glaubt Jensen, der als rationalistischer Industriedesigner alles andere als ein Träumer ist. Eine Erfolgsgeschichte wie Jensens Entwurf einer Kabeltrommel, mit der in den siebziger Jahren das kleine Unternehmen „Jojo“ plötzlich zum weltweit wichtigsten Produzenten wurde, wird in Zukunft also nicht mehr so einfach möglich sein – auch wenn Jensen immer noch davon schwärmt, dass Erfolg allein durch eine gestaltete Hülle entstehen kann, durch „bloody design“.

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