Der Tagesspiegel : Bloß nicht erwachsen werden

In „Pinocchio“ lassen Konstantin Wecker und Christian Berg ihre Kinderseelen baumeln. Ab heute läuft es in Berlin

Merlind Theile

Potsdam. Der alte Mann möchte so gern Vater sein. Aber alles, was er hat, ist eine lebensgroße Holzpuppe. Jedenfalls bis zu jenem Augenblick, als das Licht im Saal erlischt und der Scheinwerfer am Bühnenrand eine Fee anstrahlt. Silberstaub schwebt durch die Luft, der sternförmige Zauberstab blinkt – und die Puppe erwacht zum Leben.

Einfach märchenhaft beginnt das Kindermusical „Pinocchio“, das am gestrigen Donnerstag im Potsdamer Nikolaisaal Premiere hatte. Christian Berg hat sich damit einen Traum erfüllt: „Pinocchio“ war das Stück, mit dem er 1988 seine Karriere als Kindermusicalmacher begann – zum 15-jährigen Jubiläum hat er sich gemeinsam mit Konstantin Wecker noch einmal an dem Stoff versucht. In der Zusammenarbeit sind die Freunde Wecker und Berg routiniert: Schon vier Musicals hat das Duo seit 1998 gemeinsam realisiert.

Etwa ein Jahr dauerte es von der Idee bis zur Uraufführung des Musicals. Berg schrieb die Liedtexte, faxte sie an Wecker, der innerhalb eines Tages, manchmal auch nur einer Stunde, dazu ein Stück komponierte. Nach etwa zwei Monaten spielte Wecker seinem Freund das Musical am Telefon vor. Dann veranstaltete Berg so genannte „Tryouts“ – 20 Shows, nach denen er Gags, die nicht funktionieren, aus dem Programm nahm.

In Potsdam hatte gestern ein sehr italienischer Pinocchio Premiere. Das Team um Berg orientierte sich stark an den italienischen Ursprüngen des 1883 veröffentlichten Buches. Zu Pinocchios 120. Geburtstag erweisen die Musicalmacher seinem Heimatland Referenz. Das Bühnenbild von Uli Wolf und Gerti Trautvetter ist einer italienischen Kleinstadt in der Toscana nachempfunden, und die Kostüme von Tanja Schünemann greifen mit bunten Harlekinanzügen, venezianischen Masken, Rüschenhemden und Pluderhosen verschiedene Epochen der Commedia dell’Arte auf.

Auch Konstantin Wecker hat das Thema Italien musikalisch umgesetzt – schließlich komponierte er es in seinem Haus in der Toskana. Heraus gekommen sind melodiöse Anlehnungen an La Traviata. Wecker gibt sich bescheiden: „Ich möchte nicht unbedingt Hits schaffen, sondern einfach Lieder, die Kindern gefallen.“ Diese Motivation sieht Wecker auch bei seinem Freund Christian Berg: „Er ist kein Pädagoge, keiner, der den Kindern Kunst beibringen oder sie gar zu besseren Menschen machen will. Er will sie unterhalten.“ Bergs Geheimnis ist wohl, dass er selbst nie erwachsen werden wollte, sondern ein Kind geblieben ist – zumindest auf der Bühne: Er staunt wie ein Kind, ist verspielt wie ein Kind, manchmal auch hämisch und schadenfroh. In der Titelrolle als „Pinocchio“ kann er alles voll ausleben – übrigens nicht mit einer Holz-, sondern mit einer langen Gumminase.

Ob Berg die Kritiker damit überzeugen kann? Bisher waren sie eher weniger angetan von seinen Liedtexten und seinem Mitmachtheater. Den Zuschauern aber gefiel die Mischung – mit Produktionen wie „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ oder „Pettersson und Findus“ feierten Berg und Wecker große Erfolge beim Publikum. Wahrscheinlich wird „Pinocchio“ daran anknüpfen. Die Premiere in Potsdam war ausverkauft. Nach drei Aufführungen am Wochenende in Berlin tourt das Musical bis Ende April durch 90 deutsche Städte.

Termine im Berliner Tempodrom: Freitag, 21.11., 17 Uhr; Sonnabend, 22.11., 14 und 17 Uhr; Sonntag, 23.11., 11 und 14 Uhr.

Karten gibt es an der Konzertkasse 36 in der Kreuzberger Oranienstraße oder im Tempodrom. Tel. Reservierung: (030) 61101313

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