Der Tagesspiegel : Blühende und verblühte Landschaften

Claus-Dieter Steyer

Der Slogan von den blühenden Landschaften im Osten klingt heute gar nicht mal so falsch. Wer aufmerksam durch Brandenburg fährt, findet genügend Beweise. Überall setzt die Natur zu Höhenflügen an. Es grünt in verlassenen Kuhställen, aufgegebenen Werkhallen, nicht mehr bewohnten Bungalowsiedlungen und Ferienheimen, auf leeren Flugplätzen und viel zu groß geratenen Gewerbegebieten, in verlassenen Plattenbauten, auf nicht mehr gebrauchten Sportplätzen und zum Glück auch auf militärischen Hinterlassenschaften.

Während die Pflanzen- und Tierwelt dafür keinen besonderen Antrieb braucht, wird der Blütenpracht in einem alten Industriezentrum derzeit kräftig nachgeholfen. In Eberswalde laufen die Vorbereitungen für die zweite Brandenburger Landesgartenschau. Nach dem großen Erfolg der ersten Auflage vor zwei Jahren in Luckau - und der am Ende erfolgreichen Bundesgartenschau in Potsdam - liegt die Messlatte hoch.

Sicher werden sich in den Monaten von Mitte April bis zum Oktober wieder Zehntausende Besucher an der Blumenpracht erfreuen, mit Begeisterung auf einen alten Hafenkran steigen oder sich in kleinen Booten auf den teilweise unterirdischen Kühlwasserkanälen amüsieren. Der alten Industriestadt am Finowkanal, einst als Manchester Preußens bezeichnet, ist die Gartenschau zu gönnen wie kaum einem anderen Ort. Das in den vergangenen Jahren durch rechtsextremistische Straftaten und eine hohen Abwanderungsrate beschädigte Image kann eine Aufwertung vertragen.

Doch ein Bummel durch die Blumengärten wird manchen Besucher auch nachdenklich stimmen. Auf dem einstigen Industriegelände schufteten früher viele Hundert Arbeiter. Sie hätten wohl nie im Traum daran gedacht, dass sich ihr Arbeitsplatz einmal in einen Park verwandeln würde. Wo sie ihren Schweiß vergossen, werden heute keine materiellen Werte mehr geschaffen.

Damit teilt Eberswalde das Schicksal vieler anderer Orte im Osten. Vielleicht ist es gerade die Landesgartenschau, die zum längeren Nachdenken über die De-Industrialisierung ganzer Landschaften zwingt. Offensichtlich spielt sie in der aktuellen Politik längst keine Rolle mehr. Wer sollte sich auch aufregen? Die älteren Menschen gehen in die Arbeitslosigkeit oder in den Vorruhestand, die jüngeren verlassen in Scharen ihre Heimat. Es gibt in dieser Frage keinen Unterschied zwischen Industrie und Landwirtschaft. Letztere sucht neuerdings vergeblich nach Nachwuchs. Dagegen nimmt die Zahl der blühenden Landschaften zu - scheinbar unaufhaltsam. Irgendwie hatte sich der Erfinder dieses Slogans zwar die Sache anders vorgestellt, doch bei den Landes- und Bundesgartenschauen lag er richtig. Es ist ein schwacher Trost.

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