Blutfehden in der Türkei : Der Friedensstifter ist tot

Auch heute noch sterben in der Türkei viele Menschen wegen Blutfehden zwischen verfeindeten Familien. Der frühere Metzger Sait Sanli profilierte sich über Jahre als erfolgreicher Schlichter. Jetzt ist er gestorben.

Susanne Güsten[Istanbul]

Manchmal beginnt es mit einer Kuh, die auf einer fremden Weide grast. Manchmal geht es um einen Brand, der das Feld des Nachbarn zerstört. Manchmal ist die Liebe zweier junger Leute aus verfeindeten Familien der Anlass – Blutfehden, die Jahre oder sogar Jahrzehnte andauern können, kosten auch heute noch vielen Menschen in Südostanatolien das Leben. Bisher hofften viele Opfer auf die Hilfe eines ehemaligen Metzgers: Der 65-jährige Sait Sanli profilierte sich in den vergangenen Jahren als erfolgreichster Vermittler und Friedensstifter der Türkei: Mehrere hundert Blutfehden beendete Sanli erfolgreich. Jetzt ist er an einer Gefäßkrankheit gestorben, und die türkischen Medien feiern ihn als Helden.

„Mangelnde Bildung und Armut“ antwortete der Friedensstifter einmal auf die Frage, warum der türkische Südosten auch heute noch unter den Blutfehden leidet. Andere Nationen seien dabei, das Weltall zu erobern, während sich die Türken immer noch gegenseitig „wegen nichts und wieder nichts abknallen“.

Auge um Auge, Zahn um Zahn – nach diesem archaischen Muster pflanzen sich selbst anfänglich belanglose Streitigkeiten zwischen den Sippen immer weiter fort und werden zu unlösbaren Problemen. Ein Verkehrsunfall, bei dem das Mitglied einer anderen Familie zu Schaden kommt, ausstehende Schulden oder ein Streit um die Grenzziehung zwischen den Grundstücken zweier Clans können bis zum Mord eskalieren. Auch das Massaker von Mardin, bei dem im Mai mehr als 40 Gäste einer Hochzeitsfeier erschossen wurden, ging auf einen lange zurückreichenden Streit zwischen verschiedenen Zweigen eines Clans zurück.

Sanli erfuhr am eigenen Leib, was Blutfehden anrichten können. Als kleiner Junge wurde er mit seiner Familie nach einem Streit mit einer anderen Sippe aus seinem Heimatdorf in der südosttürkischen Gegend bei Lice vertrieben. Nach dem Umzug in ein anderes Dorf wurde er auch dort Zeuge vieler Blutfehden. „Jeder Tod berührte mich, als hätte ich selbst als Mutter ein Kind verloren“, sagte Sanli. Zum Broterwerb erlernte er das Metzgerhandwerk und ließ sich in der Großstadt Diyarbakir nieder; schon früh betätigte er sich jedoch auch als Vermittler. Seine erste Blutfehde beendete Sanli vor mehr als 30 Jahren.

Im Laufe der Zeit machte er als erfahrener und gerechter Friedensstifter von sich reden, so dass er sich mehr und mehr dieser Aufgabe widmete. Sanli gründete eine so genannte Friedenskommission, zu der auch islamische Geistliche zählen, und setzte sich ein ehrgeiziges Ziel: Er wollte alle Blutfehden in der Region beenden. Selbst in Deutschland war er tätig: Per Telefon half er, einen Streit zwischen Türken in der Bundesrepublik beizulegen.

Zu Sanlis Spezialitäten gehörten das geduldige Zuhören und eine mitunter sehr komplizierte Pendeldiplomatie zwischen verfeindeten Dörfern und Familien. Der Friedensschluss wurde bei einem Festessen und einem feierlichen Schwur auf den Koran besiegelt.

Sanli knüpfte seine Vermittlerdienste an eine Bedingung: Wenn ein Gewaltverbrechen vorlag, musste sich der Täter der Justiz stellen. War das geschehen, hörte Sanli erst einmal allen Beteiligten zu und versuchte ihnen klarzumachen, dass Blutfehden zu nichts führen. „Ich sage ihnen, dass das Problem immer schlimmer wird“, berichtete Sanli. Es gehe um eine „bessere Welt für unsere Kinder und Enkel“. Fast 500 Blutfehden gingen so mit seiner Hilfe zu Ende.

Am Dienstag wurde Sahin in Diyarbakir beigesetzt. Hunderte von Menschen gaben ihm das letzte Geleit. Aus Ankara rief Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan den Sohn des Verstorbenen an, um ihm sein Beileid auszusprechen. „Friedensbotschafter“ wurde Sanli bereits zu Lebzeiten genannt. Nun müsse eine ganze Region ohne seine Vermittlungskünste auskommen, kommentierte ein Fernsehsender.