Der Tagesspiegel : Blutige Anfänger

Das Einfrieren von Nabelschnurblut als „Lebensversicherung“ ist umstritten. Nun haben Forscher daraus erstmals künstliche Stammzellen gezüchtet

Kai Kupferschmidt
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Eingetütet. Manche Eltern lassen das Nabelschnurblut ihrer Kinder einfrieren. Bild: dpadpa-Zentralbild

Es ist als eine Art Lebensversicherung für das neugeborene Kind gedacht. Manche Eltern lassen das Blut, das sich in der Nabelschnur befindet, einfrieren und hoffen, dass Mediziner damit eines Tages eine Krankheit heilen können. „Bisher kann man das aber nur bei Leukämien und Bluterkrankungen nutzen, alles andere ist außerordentlich fragwürdig“, sagt Ulrich Martin von der Medizinischen Hochschule Hannover. Nun hat der Stammzellforscher, zeitgleich mit einer spanischen Arbeitsgruppe, erstmals künstliche Stammzellen aus dem Nabelschnurblut erzeugt. Damit rücke eine Therapie mit den zellulären Alleskönnern näher, ist er überzeugt.

Die Forscher isolierten Zellen aus frischem und eingefrorenem Nabelschnurblut und schleusten ihnen mit Hilfe von Viren vier Gene ein. Die zwangen die Zellen zurück in den Zustand einer Stammzelle. Wie die Wissenschaftler im Fachblatt „Cell Stem Cell“ schreiben, konnten sie daraus später Herzmuskelzellen züchten. Eines Tages soll es so unter anderem möglich sein, nach einem Herzinfarkt abgestorbenes Herzgewebe zu ersetzen.

Künstliche Stammzellen können inzwischen aus zahlreichen verschiedenen Zelltypen gewonnen werden. Aber die Zellen aus dem Nabelschnurblut hätten einen entscheiden Vorteil, sagt Martin: „Sie haben noch keine Fehler angesammelt.“ Dass Zellen im menschlichen Körper das ein Leben lang tun, sei an Mitochondrien gezeigt worden. Die „Kraftwerke der Zelle“ haben ein eigenes kleines Genom. „Man hat das bei jungen und alten Menschen verglichen und festgestellt, dass es mit dem Alter zu einer starken Anhäufung von Mutationen kommt.“ Werden solche Zellen reprogrammiert, so sind die Buchstabierfehler im Erbgut der Stammzellen enthalten – und wirken sich dann auf die Funktion aus, glaubt Martin. „Gerade Herzzellen zum Beispiel brauchen sehr viel Energie. Wenn da viele Fehler im Erbgut der Mitochondrien sind, dann funktionieren die Zellen vermutlich auch schlechter.“

Und eine weitere Gefahr droht: Krebs. Denn die Veränderungen im Erbgut können zum Beispiel ein Gen zerstören, das normalerweise das Wachstum der Zelle bremst. Kommen mehrere solcher Veränderungen zusammen, hört die Zelle nicht mehr auf zu wachsen, sie entartet und wird zur Keimzelle eines Tumors. Reprogrammierte Zellen von Erwachsenen könnten bereits zahlreiche solche Veränderungen in sich tragen. „Möglicherweise sind die schon ein oder zwei Schritte in Richtung Krebszelle gegangen“, sagt Martin. Dann fehlt unter Umständen nur noch eine letzte Veränderung und aus den transplantierten Zellen wächst ein Tumor.

Die jungen Zellen aus der Nabelschnur hätten dieses Problem nicht, sagt Martin. Er sieht für sie deswegen eine wichtige Rolle bei den ersten Stammzelltherapien: „Bisher war ich ein Kritiker davon, Nabelschnurblut einzufrieren. Ich habe mich bei meinen eigenen Kindern nicht dafür entschieden. Aber jetzt würde ich das wahrscheinlich machen.“ Entwickele sich das Feld so rasant weiter wie bisher, könne es schon in fünf Jahren die ersten klinischen Studien geben. Martin schwebt eine große Stammzellbank vor, die 80 Prozent der Bevölkerung versorgen könnte. „Dafür wären gar nicht so viele Zelllinien nötig, weil man diese jungen Zellen nicht so genau auf das einzelne Immunsystem abstimmen muss.“ Zuvor müsste man allerdings eine Methode finden, Zellen ohne Viren zu reprogrammieren. Erste Ansätze dazu gibt es bereits.

Andere Forscher sind dennoch skeptisch. „Für mich ist das kein Argument, jetzt Nabelschnurblut einzufrieren“, sagt der Kölner Stammzellforscher Hescheler. Noch sei nicht klar, ob Stammzellen aus dem Nabelschnurblut wirklich besser seien als andere. Außerdem müssten die Zellen aus dem Nabelschnurblut lange Zeit eingefroren werden. „Da können sich auch eine Menge Dinge verändern“, warnt er. Kai Kupferschmidt

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