Der Tagesspiegel : Blutrausch ohne Reue

Heute Urteil im Prozess um „Penismord“ erwartet

Sandra Dassler

Cottbus - Die Tat war unbeschreiblich grausam und erinnerte an einen Ritualmord: Weil er angeblich seinen Sohn missbraucht hatte, soll der 47-jährige Olaf Sch. gemeinsam mit dem 36-jährigen Enrico T. einem 55-jährigen Obdachlosen in Forst zunächst ein Ohr abgeschnitten, ihn dann mit mehreren Messerstichen ins Herz getötet und ihm anschließend das Geschlechtsteil abgetrennt haben.

Das Verbrechen geschah am 4. Dezember 2005, seit Juni letzten Jahres stehen Olaf Sch. und Enrico T., der die Tat minutiös mit seiner Digitalkamera aufnahm, im sogenannten Penismord-Prozess vor dem Cottbuser Landgericht. Die Männer beschuldigten sich vor Gericht gegenseitig, dem Opfer die tödlichen Verletzungen zugefügt zu haben. Der Staatsanwalt hat für beide lebenslange Freiheitsstrafen wegen Mordes gefordert.

Die Verteidiger plädierten hingegen auf geringe Freiheitsstrafen, einer sogar auf Freispruch. Er sah nämlich eine „Mitschuld“ der Staatsanwaltschaft. Die sei einer Anzeige des damals sechsjährigen Sohnes von Olaf Sch. wegen sexuellen Missbrauchs nicht nachgegangen, so dass Sch. „glaubte, zur Selbstjustiz greifen zu müssen“. Diese Darstellung wies die Sprecherin der Staatsanwaltschaft Cottbus, Petra Hertwig, entschieden zurück. „Wir haben die damalige Anzeige sehr ernst genommen und genau geprüft“, sagte sie dem Tagesspiegel. Allerdings habe sich bei den Ermittlungen herausgestellt, dass ein anderer Mann den Sechsjährigen und weitere Kinder sexuell missbraucht hatte.

Dieser Mann ist inzwischen zu vier Jahren Haft verurteilt worden. Er trägt – was offenbar die Verwechslung hervorrief – den gleichen Vornamen wie der Obdachlose, der so grausam getötet wurde. Der 55-Jährige stammte aus Berlin, war alkoholabhängig und psychisch krank. Die beiden Tatverdächtigen hatten vor Gericht ausgesagt, sie hätten ihm nur einen Denkzettel erteilen wollen. Der reichlich getrunkene Alkohol sei wohl schuld daran, dass sie sich in einen „Blutrausch“ hineinsteigerten. Ein Wort der Reue kam keinem über die Lippen. Heute wird das Urteil gesprochen.

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