Boateng-Wechsel : "Paradiesvogel" flattert nach Tottenham

Die Spurs freuen sich auf das "Ghetto-Kid", die Hertha über eine Traumablöse, die in England eher als Schnäppchen gilt. Allerdings müssen noch einige Details geklärt werden.

Frank Thomas[dpa]
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Exzentrischer Typ. Falko Götz hatte mit Kevin-Prince Boateng so seine Probleme. -Foto: ddp

BerlinExzentriker Kevin-Prince Boateng wird voraussichtlich noch in dieser Woche an die legendäre White Hart Lane zum früheren Klinsmann-Club Tottenham Hotspur wechseln. Nachdem sich beide Vereine über den Transfer einig sind, versucht sein Berater Karel van Burik bei Gesprächen zu Wochenbeginn in London endgültig die Modalitäten für den Abflug des "Paradiesvogels" zu stellen. Bei 1,5 Millionen Euro Jahressalär soll Boateng in London dreimal so viel verdienen wie bisher bei der Hertha.

Bislang hat Hertha-Manager Dieter Hoeneß die von britischen und Berliner Medien kolportierten 7,5 Millionen Euro (5 Millionen Pfund) Ablöse nicht bestätigt. Dennoch ist unbestritten, dass Boateng, der in Berlin noch einen Vertrag bis 2009 hat, für Hertha der lukrativste Transfer der Vereinsgeschichte nach der Abgabe von Sebastian Deisler an die Bayern (9 Millionen Euro) werden könnte. Die zu erwartenden knapp sieben Millionen sollen bei den mit 45 Millionen Euro verschuldeten Hauptstädtern vor allem in weitere Neuverpflichtungen investiert werden.

Klippe Gesundheits-Check

Der 20-Jährige, der ursprünglich den FC Sevilla als neuen Verein favorisiert hatte, hat sich längst mit dem Wechsel zum Fünften der englischen Eliteliga arrangiert. "Die Premier League ist meine Traumliga", meinte er im österreichischen Trainingslager Stegersbach, wo er von Trainer Lucien Favre geschont und Physiotherapeut Jörg Blüthmann individuell betreut wurde. Zwar bestätigte Blüthmann Boatengs gute physische Verfassung, doch könnte der Gesundheits-Check in London zur letzten Klippe werden. Zwei Mal wurde er schon am Knie operiert, absolvierte daher auch bisher nur 43 Bundesligaspiele.

Glänzen konnte Boateng dabei allerdings nur selten. Aber er zeichnete sich auch durch Geniestreiche aus, so mit seinem Bogenlampen-Treffer im Abstiegsduell der Herthaner bei der Frankfurter Eintracht, seinem vierten Bundesligator. Danach posierte er demonstrativ vor der Haupttribüne und hielt seinen gewaltigen, tätowierten Bizeps in die TV-Kameras.

Stolperstein für Falko Götz

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Für Boateng ist die Premier League seine Traumliga. -Foto: ddp


Provokativ war Boateng, der 13 Tattoos sein Markenzeichen nennt, schon in seiner Zeit an der erfolgreichen Jugend-Akademie der Herthaner. Bei den Vereins-Oberen machte er sich zuletzt unbeliebt durch überzogene Gehaltsforderungen. Dieter Hoeneß beklagte, dass bei seinen öffentlich geäußerten Zukunftsplänen viel zu selten das Wort Hertha vorkäme.

Für Ex-Trainer Falko Götz war Kevin Boateng einer der Berliner "Stolpersteine": Mit einem "Focus"-Interview provozierte Götz die endgültige Abneigung des extrovertierten Mittelfeld-Regisseurs. Dabei hatte Götz berichtet, dass er schon mal bei den Boatengs zu Hause gewesen sei. "Er hat viele Geschwister, alle von anderen Vätern. Aber das ist kein Makel. Berlin ist eben multikulturell", sagte der Coach und musste sich im Nachgang mehrfach dafür entschuldigen. "Ich wollte in keiner Weise die Familie Boateng diskreditieren und in die Privatsphäre eindringen", sagte er. Ihm sei es nur darum gegangen, einen jungen Spieler zu benennen, der aus einem Problemkiez den Weg zu Hertha gefunden habe.

Boateng stammt aus dem Wedding und hat daher schon in der Londoner Presse seinen Ruf als "Ghetto-Kid" erhalten. Doch feierten ihn dortige Gazetten auch "als neuen Prince von London". Bei den Fans der Spurs erregt seine Verpflichtung bisher noch keine großes Aufsehen. Erstens ist er den Briten noch zu wenig bekannt, zum Zweiten gilt er für Premier-League-Verhältnisse eher als Schnäppchen. Bei den Neuverpflichtungen von Nationalstürmer Darren Bent (Charlton/24,7 Millionen), des am Montag gerade 18 Jahre alte gewordenen Walisers Gareth Bale (Southampton/14,7 Millionen) und des Franzosen Younes Kaboul (Auxerre/11,8 Millionen) hatte Tottenham schon weit tiefer in die Tasche gegriffen. (mit dpa)