Börse : Hausse mit Substanz

An der deutschen Börse herrscht Euphorie, wie lange nicht mehr. Der Dax schwang sich am Morgen zu einem neuen Allzeithoch auf, gab aber im Handelsverlauf wieder leicht nach. Doch der Börsenboom mehr Substanz als bei der Hausse im Jahr 2000.

Dax Allzeithoch Foto: dpa
Die Börse auf dem Höhenflug: Der Aufwärtstrends zeigt sich langfristig und stabil. -Foto: dpa

Frankfurt/MainDer Dax jagt von Rekord zu Rekord: Der deutsche Leitindex hat am Morgen die mehr als sieben Jahre alte Rekordmarke von 8136 Punkten kurzzeitig übersprungen (Derzeitiger Stand: 12 Uhr - 8.091,98 / +0,48%). In atemberaubenden Tempo geht es seit Monaten aufwärts - und ein Ende des Booms ist nach überwiegender Meinung von Bankern und Analysten nicht in Sicht. Schon kursiert die Marke von 9000 oder gar 10.000 Punkten als Ziel für den Deutschen Aktienindex (Dax) - und nach Ansicht vieler Anlageprofis ist die Börse auf dem besten Weg dorthin: Die deutsche Wirtschaft strotzt vor Selbstbewusstsein, die Unternehmen verdienen kräftig, und selbst vorsichtige Anleger trauen sieben Jahre nach dem vom Neuen Markt ausgelösten Börsencrash wieder der Aktie als Geldanlage.

"Man wird fast schwindlig bei diesem Tempo", sagt die Chefvolkswirtin der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba), Gertrud Traud. Am 28. Februar 2007 notierte der Dax erstmals seit November 2000 über 7000 Punkten, die 8000er-Marke wurde am 1. Juni gerissen, nun fiel auch noch der Rekord von 8136,16 Zählern vom 7. März 2000. "Alle schauen derzeit auf Wachstum, so dass Risiken ausgeblendet werden", sagt Traud. Auch die Commerzbank konstatiert: "Die Investoren sind trotz der Kursrückgänge von Anfang Juni noch immer recht sorglos." Helaba-Ökonomin Traud mahnt: "Es gibt eine ganze Menge Wolken." Vor allem die weltweite Aufwärtsspirale bei den Zinsen werde "irgendwann auch die Börse belasten". Hohe Zinsen verteuern Kredite und können so beispielsweise Investitionen von Unternehmen und somit das Wirtschaftswachstum bremsen.

Zwar beflügelten zuletzt auch Sondereffekte die Märkte, wie Aktienmarktstratege Peter Körndl von der Dresdner Bank erläutert: "Der Verfallstag am 15. Juni hat sicherlich auch dazu beigetragen, dass der Dax nach den Gewinnmitnahmen so schnell wieder so stark geworden ist." An diesem Hexensabbat, wie ihn die Börsianer nennen, liefen Terminkontrakte auf Aktien und Indizes aus, so dass es auch ohne größere Unternehmens- oder Konjunkturnachrichten zu kräftigen Kursschwankungen kam.

10.000 Punkte könnten in den nächsten zwei Jahren fallen

Trotz aller - üblichen wie außergewöhnlichen - kurzfristigen Schwankungen trauen Börsenprofis dem Index der 30 größten börsennotierten deutschen Unternehmen langfristig noch viel zu. "Wir sind zuversichtlich, dass der Dax in den nächsten zwölf Monaten die 9000 sehen wird", sagt der Vorsitzende des Sparkassen- Zentralinstituts DekaBank, Franz Waas. Auch Hans-Jürgen Delp, Wertpapier-Chefstratege bei der Commerzbank, ist überzeugt: "Das langfristige Szenario ist positiv und wird uns sicher auch zu den 9000 führen." Die Commerzbank-Tochter Cominvest sieht den Dax in zwei Jahren gar bei 10.000 Zählern.

Robuste Unternehmensgewinne, Übernahmespekulationen und der brummende Konjunkturmotor reißen die Börsen mit. Zudem sei viel Geld im Markt, das die richtige Anlage sucht, wie Aktienhändler Robert Halver von der Schweizer Privatbank Vontobel ergänzt. "Auch schätzen Unternehmen ihre Geschäftsperspektiven heute realistischer ein als früher - das Risikopotenzial für Anleger ist geringer", sagt Halver.

EU-Raum ist unabhängiger vom Rest der Welt

Der starke Euro, der mit 1,38 Dollar am Vortag ebenfalls ein neues Rekordhoch erreicht hatte, stützt den Höhenflug an den Märkten zusätzlich. "Wir erleben in Europa zum ersten Mal einen Konjunkturaufschwung mit einer gemeinsamen Währung", bilanziert der selbstständige Analyst Christoph Zwermann. "Der geeinte Wirtschaftsraum ist stärker und unabhängiger vom Rest der Welt geworden." Europäische Aktien profitieren nach seinen Angaben von der Stärke der europäischen Gemeinschaftswährung: "Wer im Ausland anlegt, schaut sich die Währung an. Keiner will seine Kursgewinne durch eine schwache Währung wieder verlieren."

Beim Stichwort Währung verweisen Experten wie Zwermann denn auch auf Gefahren, die den europäischen Märkten von einem Wiedererstarken des Yen im fernen Japan drohen: Viele Anleger haben billige Yen-Kredite aufgenommen, um dafür Dollar oder Euro zu kaufen und diese in Aktien zu investieren. Zieht der Yen-Kurs wieder an, müssten die Investoren ihre Kredite schnell zurückzahlen und dafür Aktien verkaufen. "Die Auflösung dieser so genannten Carry Trades könnte eine Abwärtsspirale in Gang setzen", befürchtet Zwermann. Doch solche Szenarien sind in der derzeitigen Börsen-Euphorie für die meisten Marktteilnehmer ganz weit weg. (Von Jörn Bender und Nadine Schwede, dpa)