Der Tagesspiegel : "Book Town" Wünsdorf: Zwischen Büchern und Bunkern

Claus-Dieter Steyer

Einen besseren Wegweiser hätten sich die neuen Antiquariate in der Bücherstadt Wünsdorf gar nicht wünschen können. Auf einem Sockel thront die überlebensgroße Statue eines Kosmonauten oder Jagdfliegers. Sein kämpferischer Blick flößt Respekt ein. Das Denkmal steht direkt an der Straße zum rund 300 Meter entfernten eigentlichen Domizil von inzwischen 20 Antiquariaten. Neugierige wenden da schon einmal den Blick nach links und erblicken hinter dem Bronze-Koloss die renovierte Kommandantenvilla. Hier bietet vorerst eine Firma ihre Schätze aus Militärgeschichte, Politik, Medizin, Sport, Berliner Leben und anderen Bereichen an. Bald sollen weitere Anbieter folgen. Auch der lang ersehnte Veranstaltungsraum und ein Restaurant werden hier demnächst eröffnen. Das anfangs von viel Skepsis begleitete Projekt von einer Bücherstadt in der rund 100-jährigen ehemaligen Militärsiedlung südlich Berlins kommt offensichtlich erfolgreich voran.

"Die Idee klang tatsächlich etwas verwegen", sagt Hartmut König, Sprecher der Antiquare. "Ausgerechnet in einem früheren Badehaus für Soldaten sollten wir Bücher anbieten und damit Publikum anlocken." Doch für den Standort hätten das großzügige Platzangebot sowie die touristischen Attraktionen in Wünsdorf gesprochen. "Heute können wir gar nicht mehr genau feststellen, weshalb es die Menschen in unsere Ecke zieht", meint König. Die ober- und unterirdischen Bunkeranlagen seien genauso gefragt wie die Antiquariate. Meist schauten die Teilnehmer der Führungen anschließend bei den Buchhändlern vorbei, oder die Bücherfreunde ließen sich nach ihrer Stöberei zwischen den Regalen einen Abstecher in die militärische Vergangenheit nicht entgehen. 45 000 Menschen fanden im vergangenen Jahr den Weg in die Bücherstadt inmitten des ehemaligen Oberkommandos der russischen Streitkräfte in Ostdeutschland. Rund 150 000 Bücher stehen inzwischen zur Auswahl. Dazu gehören "Bückware aus der DDR", ein Musik-Antiquariat, Abteilungen mit russischen und englischen Büchern oder Sammlungen zu Werken von Fontane und über Preußen. Mittlerweile gibt es schon zahlreiche Stammgäste.

"Wir machen vergleichsweise wenig Werbung für uns", sagt Wolfgang Metz, Geschäftsführer der Bücherstadt-Tourismus GmbH. "Aber gute Angebote sprechen sich bekanntlich schnell herum." Metz hatte schon kurz nach dem Abzug der russischen Truppen aus Wünsdorf am 31. August 1994 die Idee zu einer Ansammlung von Antiquariaten in nicht mehr benötigten Militärbauten. Als Beauftragter der Landesregierung für die zivile Umgestaltung des Areals beiderseits der B 96 war ihm das Konzept des walisischen Büchernarrens Richard Both zu Ohren gekommen. Dieser eröffnete schon 1961 in Hay on Wye an der Grenze zwischen Wales und England ein Buchantiquariat in der Größe einer Ortschaft. Dazu eröffneten Buchbindereien, Museen, Cafés und buchverwandtes Gewerbe ihre Tore. Inzwischen werden Book Towns auch in Belgien, Frankreich, den Niederlanden, der Schweiz, Finnland, den USA und Japan betrieben.

Wünsdorf dürfte in dieser Aufzählung zumindest mit einem Angebot konkurrenzlos sein. Militärgeschichte eines ganzen Jahrhunderts kann hier in den unter- und oberirdischen Maybach- und Zeppelinbunkern, in den Luftschutzbunkern oder in unzähligen Kasernenbauten und Ausstellungen buchstäblich angefasst und später in Büchern nachgelesen werden.

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