Der Tagesspiegel : Brachland der unbegrenzten Möglichkeiten

Claus-Dieter Steyer

Eine Seenkette soll in der Lausitz entstehen, dort, wo einst Riesenbagger die Erde umpflügten - und zwar mit Häusern auf dem Wasser, damit die Ufer zum Promenieren frei bleiben. "Die Bewohner erreichen ihre schwimmenden Häuser über einen Steg oder ein Boot und somit bleibt der Uferweg für Wanderer und Radfahrer frei", sagt Landschaftsplaner Professor Rolf Kuhn und gerät auf einem Symposium mit Kollegen und Kommunalpolitikern der Lausitz geradezu ins Schwärmen: Häfen für Hausboote und Yachten, sieht er, Steilufer, Buchten, Naturschutzgebiete, Gebiete für Motorsport, Seeterrassen, Leuchttürme, Schleusen und Brücken zur Verbindung der zehn künftigen Seen zwischen Senftenberg, Hoyerswerda und Schwarze Pumpe.

Kuhn, der auch der Gesellschaft "Internationale Bau-Ausstellung Fürst-Pückler-Land", kurz IBA, vorsteht, sieht im Lausitzer Landschaftsbauprojekt eine einmalige Chance. Die IBA sammelt im Auftrag der vier Lausitzer Landkreise und der Stadt Cottbus Ideen, stößt Projekte an und organisiert Workshops. Mit jährlich 2,4 Millionen Mark unterstützt das Land Brandenburg die 15 festen Mitarbeiter. Nachbar Sachsen, mit rund 20 Prozent an der neuen Seenkette beteiligt, steuerte im Vorjahr nur 70 000 Mark bei. "Der Abbau der Braunkohle hat auf einer riesigen Fläche die Lausitz verändert", erklärt Professor Kuhn. "Nach der Stilllegung der meisten Gruben werden die Wunden geheilt." Da der ursprüngliche Zustand nicht mehr hergestellt werden könne, hätte die Gegend alle Möglichkeiten zur Neuerfindung.

Die Aufgabe erscheint enorm: In den nächsten 20 Jahren entstehen in der Niederlausitz 12 000 Hektar Wasserflächen und 42 000 Hektar Festland neu. Die Seenkette wird eine Uferlänge von 4000 Metern haben.

Die mit der Sanierung der Tagebaue beauftragte Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau Gesellschaft will die Flutung der Restlöcher so schnell wie möglich abschließen. Auf Tempo drückt nicht nur das Bundesfinanzministerium, das die Rekultivierung einer Fläche in der Größe des Saarlandes seit 1990 mit mehr als fünf Milliarden Euro unterstützte. Auch Wasserexperten drängen, warnen vor einer Versauerung der künftigen Seen. Die Gesteinsformationen auf dem Boden der Tagebaue könnten das aufsteigende Grundwasser vergiften. Zum Neutralisieren könnten Spree, Schwarze Elster und Neiße angezapft werden.

Doch wieviel Wasser tatsächlich gebraucht würde, um das vor allem zu DDR-Zeiten entstandene Grundwasserdefizit auszugleichen, zeigt der Vergleich mit dem Rhein. Er müsste 74 Tage lang nicht die Nordsee speisen, sondern die Lausitz bewässern. Das errechnete der einheimische Experte Gert Gockel. Bei der Förderung von einer Tonne Kohle waren im Schnitt sechs Kubikmeter Wasser abgepumpt worden. Da aber gerade die Spree keinen hohen Pegel aufweist und vor allem der Spreewald nicht austrocknen soll, werden sich die meisten bis zu 75 Meter tiefen Löcher erst in den Jahren 2010 bis 2015 gefüllt haben.

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