Brandenburg : Jedes vierte Kind lebt in Armut

Während im deutschlandweiten Vergleich "nur" jedes zehnte Kind in sogenannten Hartz-IV-Bedarfsgemeinschaften lebt, ist die Lage in Brandenburg besonders dramatisch. Dort soll ein Familienpass die schlimmsten Entbehrungen lindern.

Claus-Dieter Steyer

Potsdam/Cottbus Immer mehr Kinder in Brandenburg wachsen in armen Familien auf. Nach Angaben des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes lebt jedes vierte Kind unter 15 Jahren in sogenannten Hartz-IV-Bedarfsgemeinschaften. Im deutschlandweiten Vergleich ist es nur jedes zehnte. „Die Eltern dieser Kinder verfügen nicht einmal über 50 Prozent des jährlichen Durchschnittseinkommens von 20.000 Euro“, sagte der Brandenburger Vorstandsvorsitzende Andreas Kaczynski dem Tagesspiegel. Allerdings gebe es in Brandenburg große regionale Unterschiede. „Im Raum Cottbus sind von Armut rund 35 Prozent der Kinder betroffen, in Potsdam nur 21 Prozent.“

Folgen dieser „dramatischen Entwicklung“ zeigen sich laut Kaczynski schon jetzt in geringeren Bildungschancen und in gesundheitlichen Defiziten. Deshalb komme einer guten Betreuung in den Kindertagesstätten eine große Bedeutung zu. „Wir fordern für jedes Kind künftig zwei Pflichtjahre in einer Kindertageseinrichtung“, sagte der Verbandschef. „Für sozial Schwache muss der Kita-Besuch generell beitragsfrei sein.“

Ehrenamtliche Helfer kümmern sich um Arbeitsmöglichkeiten für die Eltern oder den Transport der Kinder zu Freizeitstätten

Das Brandenburger Sozialministerium teilt die Einschätzungen der Wohlfahrtsverbände. „Vor allem Langzeitarbeitslose und Hartz-IV-Empfänger können ihren Kindern und Enkelkindern weniger bieten als der Durchschnitt“, sagt die amtierende Pressesprecherin Claudia Szczes. Nicht zuletzt deshalb habe Brandenburg nun im zweiten Jahr einen Familienpass aufgelegt, der zum Preis von fünf Euro viele Vergünstigungen und Rabatte bei unterschiedlichen Einrichtungen in Kultur, Sport, Freizeit und Bildung ermögliche. Mehr als 300 Anbieter gewähren bei Vorlage des im ganzen Land erhältlichen Passes einen um bis 25 Prozent reduzierten Preis. Oft kann zumindest ein Kind kostenlos den Freizeitpark oder das Thermalbad besuchen.

In vielen Regionen erhalten arme Familien mit Kindern Unterstützung durch ehrenamtliche Helfer. „Da kümmern sich engagierte Menschen um Arbeitsmöglichkeiten für die Eltern oder organisieren den Transport der Kinder zu Freizeitstätten“, zählte die Pressesprecherin des Sozialministeriums auf. Der kürzlich eingeführte Freiwilligenpass für Ehrenamtliche regele nicht nur Versicherungsfragen, sondern sei auch eine Anerkennung für die oft wenig beachtetenTätigkeiten.

Kinderarmut entsteht auch, weil viele Erwerbstätige mit ihren Einkommen unter der Armutsgrenze liegen und staatliche Hilfe brauchen, heißt es im Ministerium. Schon deshalb unterstütze Sozialministerin Dagmar Ziegler (SPD) die Einführung von Mindestlöhnen in Niedriglohnbranchen.

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